Kultur : Jazz

Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno

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Es ist nicht großstädtische Entartung, wurzellose Exotik, gewiß nicht, wie Arglose meinen, die Bizarrerie aufpeitschender oder greller Asphaltharmonien, die im Jazz sich darstellt und mit ihm verschwindet. So wenig er mit echter Negermusik zu tun hat, die hier längst industriell geglättet und gefälscht ward, so wenig wieder eignet ihm Destruktives und Bedrohliches; selbst die respektlose Verwertung Beethovenscher oder Wagnerscher Themen, die aufreizen mochte und auf revolutionäre Hintergründe zu deuten schien, ist in Wahrheit lediglich Ausdruck der Armseligkeit einer Musikfabrikation, die derart genormt und auf den Konsum eingestimmt ward, dass das letzte bisschen Freiheit, der Einfall, ihr verloren ging, den sie sich dort stahl, wo sie ihn fand – man könnte an eine Art „PatentUmgehung“ dabei denken – indem sie die Freude des Gebildeten, sein Bildungsgut in der Bar wiedererkennen zu dürfen, nicht ohne Geschick einkalkulierte.

Aus: Abschied vom Jazz. 1933. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997. Band 18

WAS ADORNO SAGT (10)

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