Kultur : JAZZ

ROMAN RHODE

Oft erweist sich gerade die Dichtung als nützlich, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen."Ein Zeichen sind wir, deutungslos", lautet die erste Zeile eines Gedichts, das Friedrich Hölderlin mit "Mnemosyne" überschrieb.Damit ist die Mutter der Musen und Göttin des Gedächtnisses gemeint.Daß nun auch der norwegische Saxophonist Jan Garbarek und das britische Hilliard Ensemble ihr jüngstes Projekt, die Ausdeutung tief im Humus der Vergangenheit vergrabener Lieder, "Mnemosyne" betitelt haben, ist mehr als einleuchtend.Denn beide Parteien versuchen, Alte Musik, darunter Gesänge, die bis zu 22 Jahrhunderte zurückreichen (!), mit zeitgenössischen Jazz-Klängen zu kombinieren und somit in die Gegenwart zu überführen.Obwohl die Musiker ihr neues Album im österreichischen Sankt-Gerold-Kloster aufgenommen haben und sie ihre Welttournee fast ausschließlich vor Altären bestreiten, beschränkt sich das Repertoire nicht nur auf sakrale Musik.Das virtuose Vokalquartett stimmt auch Fragmente baskischer oder peruanischer Volksweisen an, und Garbarek liefert, vor allem mit seinem Sopraninstrument, einfühlsame Glossen zu einer Entdeckungsreise, die durch ganz unterschiedliche Zeiten, Stile und Kontinente führt.Tradition trifft Moderne, Inspiration plus Improvisation: Im ausverkauften Berliner Dom sind das strahlende Saxophon und der polyphone Gesang so glänzend ineinander verflochten wie die mit Blattgold belegten Ornamente auf der Halbkuppel über dem wilhelminischen Altar.Wie aber könnte man diese musikalische Sinnsuche am besten beschreiben? Vielleicht mit einem Eichendorff-Zitat: "Das Abendrot soll ewig stehen, Die Morgenhelle frisch dreinwehen, So ist die Gegenwart nicht tot."

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