Jazzfest Berlin : „Ich spiele für Freiheit und Veränderung“

Am Donnerstag wird das Berliner Jazzfest eröffnet. Zum Auftakt: ein Gespräch mit dem Trompeter Christian Scott über New Orleans, Pop und Rassismus.

von
Hüter der Tradition. Christian Scott (30) wuchs als Nachfahre von Mardi Gras Indians in New Orleans auf.
Hüter der Tradition. Christian Scott (30) wuchs als Nachfahre von Mardi Gras Indians in New Orleans auf.Foto: © Kiel Adrian Scott

Ein Solo auf dem letzten Prince-Album, mit George Clooney und Mickey Rourke vor der Kamera: Christian Scott ist der neue große Jazz-Star Amerikas. In Kompositionen wie „K.K.P.D. (Ku Klux Police Department)“, „The Last Broken Heart“ und „The American’t“ thematisiert und kritisiert er die Zustände in seinem Land. Als der heute 30-jährige Trompeter anlässlich seines Albums „Yesterday You Said Tomorrow“ gefragt wurde, wie er den Protest, den viele seiner Songs im Titel tragen, musikalisch beschreiben würde, war er noch unentschieden. Mit seiner aktuellen Platte „aTunde Adjuah“ bietet er die Antwort: „Stretch Jazz“. Am Donnerstag spielt Scott das Eröffnungskonzert des Berliner Jazzfests im Haus der Festspiele.

Mister Scott, Sie wuchsen in New Orleans mit der Tradition Ihrer Vorfahren, den Mardi Gras Indians, auf. Heute leben Sie in Harlem. Warum?
Nach wie vor ist das Post-Katrina-New-Orleans in schlechter Verfassung. Die Regierung hat kein Geld, um die Armenbezirke wieder aufzubauen, die Schulsituation ist skandalös. Ich habe mein Haus in New Orleans behalten, und wenn ich Zeit finde, bin ich dort. Die Entscheidung, nach New York umzuziehen, war von meinem Wunsch geprägt, in der für die Entdeckung und Durchsetzung neuer musikalischer Formen wichtigsten Stadt der Welt zu leben, am experimentellen Rand und zugleich mittendrin zu sein. New York ist das Zentrum der Stretch Music.

Was symbolisiert New Orleans heute?

Für mich spiegeln sich im Schicksal von New Orleans die großen Konflikte der Welt. Ich begreife mich auch trotz der deutlichen Ausrichtung meiner bisherigen Alben zwar nicht als politischer Musiker. Die Regierung jedoch, die New Orleans damals tagelang im Stich ließ, möchte ich auch heute noch auf der Anklagebank sehen – wegen Mordes.

Was genau ist Stretch Jazz?

Wenn man nur auf das Neue anspricht, verpasst man sehr viel. Wenn man eine Trompetenlinie isolieren würde, kann man Tonfolgen hören, wie sie Kid Ory vor 90 oder 80 Jahren auf der Posaune gespielt hat. Wenn man meine Stimme isoliert, hört man die Tradition der Second Liner aus New Orleans, doch wenn diese mit einer Gitarrenlinie kontrastiert, die nach Indie-Rock aus den neunziger Jahren klingt, ist es nicht mehr positionierbar. Außer als aktuelle Musik. Und das genau ist mein Punkt: Für mich ist Indie-Rock genauso bezaubernd wie Second Line Music aus New Orleans. Die Gitarrenlinie in meiner Komposition „New New Orleans (King Adjuah Stomp)“ erinnert an Radiohead, der Rhythmus der Tenor-Trommel stammt aus der Black Indian Culture und der Congo Square Nation meines Onkels Donald Harrison, der Bass spielt eine Trip-Hop-Sequenz und das Faszinierende an Stretch Jazz ist, diese verschiedenen improvisierten Linien in einem Konzept und Song zusammenzuführen.

Sie beanspruchen mit Ihrem musikalischen Konzept, die Gefühle der Musiker nicht von den Inhalten zu trennen. Wie kann das funktionieren?

Meine Band reißt sich nicht darum, die technisch anspruchsvollste Musik aufzuführen, wenn sie nicht attraktiv klingt. Mein zentraler Kritikpunkt am klassischen Trompetenunterricht ist die Haltung, dass die Musik vor allem schwer zu spielen sein muss, am besten immer schneller und noch höher. Doch das berührt mich nicht. Ich liebe Haydns Musik und möchte wissen, wen er damit in seiner Zeit glücklich gemacht hat. Wenn meine Band und ich zornig sind wegen der Situation in New Orleans, dem Irakkrieg oder anderen Missständen, spielen wir keine Partymusik.

Sie sind durch Ihre TV- und Filmauftritte einem großen Publikum bekannt. Konnten Sie diese Prominenz für Ihre Musik nutzbar machen?

Ich wünsche mir, dass meine Musik die Hörer unmittelbar erreicht. Man muss nicht erst Jazz studiert haben, um zu verstehen, was ich mache. Ich finde auch nicht, dass meine Hörer wissen müssen, wie ich es mache. Das sollte sie gar nicht kümmern. Hauptsache sie fühlen sich emotional angesprochen. Ich bin mit HipHop, Rock’n’Roll, Prince und Michael Jackson aufgewachsen, und für mich war es schon als Kind normal, auch mit asiatischen und weißen Amerikanern zu tun zu haben – anders als die Segregationserfahrungen der afroamerikanischen Jazzmusiker früherer Generationen. Sie waren ja meist dazu gezwungen, nur mit Schwarzen zusammen zu sein und entwickelten eben auch entsprechende Verhaltens- und Ausdrucksform

In der Jazz-Geburtsstadt New Orleans wurde vor kurzem gefordert, sich vom Jazz-Begriff zu verabschieden, da er rassistisch infiziert sei.

Diese Diskussion erinnern mich an die uralten Leute in meiner Nachbarschaft in New Orleans, die noch sagten, dass Jazz zu der Sorte Wörter gehören würde, die man lieber nicht ausspreche. Für mich repräsentiert Jazz hingegen eine Kunstform, die von Afroamerikanern erfunden wurde und etwas sehr Positives symbolisiert. Mir geht es mit dem Jazz-Begriff wie mit meinem Namen: Er ist einst von Sklavenbesitzern gegeben worden, um ihren Besitz zu markieren. Historisch gesehen haben viele Afroamerikaner aus diesem Grund ihren Namen abgelegt und einen neuen angenommen. Ich habe mich dafür entschieden, meinen Namen zu behalten und zu ergänzen. Anstatt mich vom Namen Jazz oder Scott zu trennen, versuche ich die Begriffe mit Inhalten aufzufüllen, die positiv sind. Stretch Jazz ist aus meiner Sicht eine Erweiterung des Jazz – und Christian Scott aTunde Adjuah ist mein Name.

Ihre Komposition „When Marissa stands her ground“ bezieht sich auf die Geschichte von Marissa Alexander, die, nachdem sie einen Warnschuss gegenüber ihrem gewalttätigen Ex-Mann abgegeben hatte, zu einer mehr als 20-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Doch im Unterschied zu George Zimmerman, der, ebenfalls in Florida, Trayvon Martin erschoss, aber nicht inhaftiert wurde, ist Marissa schwarz. Als Marissa sich auf dasselbe Gesetz berief, das Zimmerman freispricht, wurde sie verurteilt – weil sie schwarz ist.

Welche Perspektive hat Jazz in einer Zeit größter gesellschaftlicher Veränderungen?

Kritik sollte niemals vom Handeln ablenken, sie sollte das eigene Handeln überprüfen, verbessern und ermutigen. Ich beziehe mich mit meinen Songtiteln auf aktuelle soziale und politische Missstände, die mich beunruhigen oder verärgern. Mir geht es dabei um Ehrlichkeit, mir selbst und dem Zuhörer gegenüber. Verbindliche Vorgaben, wie sich tief empfundener Protest musikalisch anhören sollte, mache ich nicht, die Musik reicht weiter als die Titel. Für mich ist Jazz das aktuellste musikalische Genre der Freiheit, Experimentierfreudigkeit und Veränderung.

Das Gespräch führte Christian Broecking

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben