Jazzfest Berlin : Mut zu Experimenten

Avantgardistisches aus Südafrika, düstere Klänge aus den USA und senegalesischer Jazz-Hip-Hop: Das Jazzfest Berlin eröffnet im Lido.

Ken Münster
Shabaka And The Ancestors, das neue Projekt des Londoner Saxophonisten Shabaka Hutchings.
Shabaka And The Ancestors, das neue Projekt des Londoner Saxophonisten Shabaka Hutchings.Foto: Leeroy Jason / Jazzfest

Junger Jazz gehört in den Club – hinter riesige Lautsprecher und vor ein tanzendes Publikum. Auch das Berliner Jazzfest beherzigt das und eröffnet nun im Kreuzberger Lido in der Cuvrystraße. Ein Novum vor ausverkauftem Haus. Den Anfang machen am Dienstag Heroes Are Gang Leaders: Die 11-köpfige Truppe aus New York kam 2014 nach dem Tod des Poeten, Musikkritikers und Aktivisten Amiri Baraka zusammen und vertont unter der Leitung des Dichters Thomas Sayers Lewis und des Saxophonisten James Brandon Lewis dessen Werke.

Unter den Versen, die Sayers und sein Kollege Randall Horton vortragen, liegen druckvolle, schlagzeugbetonte Rhythmusbetten mit Rockanleihen und wunderbar lässige E-Bass-Linien von Luke Stewart. Doch angefangen beim breiigen Sound, der Barakas Worte unverständlich macht, über die verstolperten Tanzeinlagen der beiden Frontmänner bis hin zu fehlender Dynamik. Die Musik, stets volle Pulle, fährt erst zum Ende hin über einem verträumten Saxofonsolo herunter und stellt Barakas Spoken-Word-Phrasen in den Mittelpunkt.

Atemberaubende Soli

Nach der Pause Shabaka And The Ancestors. So heißt das neue Projekt des Londoner Saxophonisten Shabaka Hutchings, der mit fünf Kollegen aus Südafrika auf der Bühne steht. Mit ihnen hat er auch das letztjährige Debüt der Gruppe „Wisdom Of Elders“ dort aufgenommen. Stilistisch wandert das Sextett auf den Pfaden des avantgardistischen Spiritual Jazz der USA in den späten 60ern, stellt sich aber auch auf die südafrikanische Jazztradition oder bezieht Melodien aus der Karibik mit ein, wie sie Hutchings aus seiner Zweitheimat Barbados übernommen hat.

Das Sextett beweist viel Mut zu Experimenten. Eigenwillige Klangfarben im Bläsersatz aus Tenor- und Altsaxofon sowie der Stimme Siyabonga Mthembus, die sich mal glatt einfügt, dann wieder im hohen Register über den Soli hinwegschwebt. Die klavierlose Rhythmusgruppe ist in Topform und hält die Energie zusammen. Nur in wenigen Momenten sprengt das ekstatische Saxofon von Hutchings alle rhythmischen Barrieren und Bass, Schlagzeug und Percussion geben nach. Bassist Ariel Zamonsky nimmt in einem minutenlangen Solo, bei dem er seinem Kontrabass mit Oktavspiel und anderen Intervallen ein seltenes Frequenzspektrum entlockt, allen den Atem, bis zum Schluss Jubelschreie für Lacher im Publikum sorgen. Der wahre Star ist aber Vokalist Siyabonga Mthembu, der Spoken-Word-Einlagen liefert, die den Heroes zuvor die Butter vom Brot nehmen. Er singt und rezitiert und liefert ein mitreißendes Scat-Solo.

Gelungener Jazzfest-Einstand

Am Mittwochabend eröffnet die US-Amerikanerin Amirtha Kidambi mit ihrem Quartett Elder Ones den zweiten Abend. Ihre Musik bewegt sich im Spannungsfeld von Jazz und der karnatischen Musiktradition Südindiens. Sie lebt von den langen, getragenen Klängen ihres tragbaren Harmoniums und von rhythmisch und modal herausfordernden Unterbauten, auf denen Sopransaxophonist Matt Nelson mithilfe von Zirkularatmung minutenlange, ununterbrochene Tonketten aus seinem Instrument schleudert. Die Musik neigt zu düsterer Ekstase – sie ist fesselnd und schauderhaft angenehm zugleich. Ein gelungener Jazzfest-Einstand.

Steve Lehmann, der begnadete Altsaxophonist aus New York, und sein neues Projekt Sélébéyone enttäuschen hingegen. Zu vorprogrammierten Beat-Fetzen liefern der US-amerikanische Rapper Hprizm und sein senegalesischer Kompagnon Gaston Bandimic ihre Wortkunst auf Englisch und Wolof. Die Musiker, allen voran Drew Gress am Kontrabass, zeigen, was sie können. Doch die halb vorproduzierten Klangschnipsel verderben die Laune, nicht nur weil sie Drummer Jacob Richards, der sich ständig mit einem Drumcomputer-Alter-Ego einigen muss, das Leben schwer machen, sondern schlicht und einfach, weil sie den Musikern die Interaktion erschweren. Die Verschmelzung von Hip Hop und Jazz hat sich in den letzten Jahren zu einem eigenen Kosmos entwickelt. Lehmann und Sélébéyone haben diesem Genre leider wenig Spannendes hinzuzufügen.

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