Kultur : Jbara träumt hier nicht mehr

Saphia Azzeddine hält Zwiesprache mit Allah.

Insa Wilke

Wohltemperierte Schäferdichtung ist das nicht: „Sie brauchen gar nicht ‚bäh!’ zu sagen. Ich werde keine Poesie hineinlegen, wo keine ist“, pöbelt die schöne Hirtin Jbara, die Heldin des marokkanisch-französischen Romans „Zorngebete“. Jbara hadert mit Gott und verflucht ihr Schicksal als stinkende Hirtin „am Arsch der Welt“, wo sie sich mit 15 Jahren für einen Granatapfeljoghurt prostituiert und ihre naiv gläubigen Eltern verachtet. Es kommt, wie es kommen muss: Jbara wird schwanger und von der Familie verstoßen. Aber Allah lässt sich erweichen, schleudert ihr einen rosafarbenen Dior-Koffer vor die Füße und stiftet so das Start-Kapital für ein Leben als Edel-Hure.

Nein, wir haben es hier nicht mit dem autobiografischen Bekenntnis einer jungen, schönen, unterdrückten Muslimin zu tun. Das Leben hat der Autorin besser mitgespielt als ihrer Figur: Saphia Azzeddine, 1979 in Agadir geboren, zog als Neunjährige mit ihren Eltern nach Frankreich. Ihrem Vater, den sie „visionervösen Bilderstürmer“ nennt, hat sie Jbaras Geschichte gewidmet, mit der sie 2008 in Paris debütierte. Auf Französisch sind inzwischen drei weitere Romane der studierten Soziologin erschienen. Ihren zweiten hat sie selbst verfilmt, und als Schauspielerin stand sie auch schon vor der Kamera. Woher also der Zorn, woher das Bedürfnis zu erzählen, dass man Jbaras Körper beschmutzen könne, aber nicht ihre Seele, wie Azzeddine in einem Interview erklärte? Solidarität, Empathie und Verbundenheit mit dem Herkunftsland? Oder auch der Einfluss Europas, wo man es schätzt, wenn eine Muslimin aus der unterwürfigen Rolle fällt?

Es gibt in der arabischen Welt starke Traditionen feministischer Literatur. Innerhalb dieser Traditionen schreiben Autorinnen wie die Syrerin Rosa Yassin Hassan („Wächter der Lüfte“, Alawi Verlag, Köln 2013) in erster Linie für ein arabisches Publikum – Autorinnen, die wie Azzeddine oder die Marokkanerin Najat El Hachmi („Der letzte Patriarch“, Wagenbach 2011) in Europa aufgewachsen sind, eher für ein europäisches. Letztere konzentrieren sich auf die Emanzipationsversuche ihrer Heldinnen und, im Fall von El Hachmi, auf die Situation in den Einwandererländern. Sie klären Europa über ihre Herkunft auf und erzählen dabei gute Geschichten, die man hier lesen will. Die komplexen politischen Zusammenhänge ihrer Herkunftsländer spielen eine geringere Rolle.

Jbara, die Sabine Heymann ein vulgäres, schroffes Deutsch sprechen lässt, geht fast didaktisch vor, wenn sie mit Allah um die ungerechte Lage der Frauen rechtet. Dabei bemüht Azzeddine sich, mit Klischees auch zu brechen: Am Ende ist ausgerechnet Allah, in dessen Namen die Frauen bei Azzeddine zum Nichts erklärt werden, Jbaras einziger Verbündeter. Trotzdem wirkt der Zorn dieser Gebete aufgesetzt, Azzeddines Figur und die Gesellschaft, in der sie sich bewegt, wie ein grober Holzschnitt. Der Gott der Zwischentöne, den Jbara am Schluss lobt, hätte ruhig etwas stärker in diesen Roman hineinwirken dürfen. Insa Wilke

Saphia Azzeddine: Zorngebete. Roman. Aus dem Französischen von Sabine

Heymann. Verlag Klaus Wagenbach,

Berlin 2013.

128 S., 16,90 €.

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