Kultur : Je größer die Qual

Ohne Leid kein Leben. Die Berliner „Schmerz“-Ausstellung spannt Kunst und Naturwissenschaft zusammen

Thomas Lackmann

Bruce Naumanns „Concrete Tape Recorder Piece“ von 1968 hat die Form eines Verstärkers. Ein Betonblock, aus dem ein Kabel mit Stecker baumelt. Drinnen steckt einbetoniert, das muss man glauben, ein Kassettenrekorder mit einer Kassette voller Wehlaute. Anfangs hat der Rekorder funktioniert. Nun ist er kaputt. Das maschinelle Versagen gehört jetzt zur Krankengeschichte des Kunstwerks. Nichts wird mehr mitgeteilt. Nichts ist mehr zu verstehen.

Schmerz hat keinen Sinn.

Schmerz isoliert. Ist aber ein Lebenszeichen. Ein Warnsignal. Stimulanz, oder – je nach Dosis – Erregung; oder ein Grund, die Fassung, das Leben zu verlieren. Schmerz subjektiviert radikal. Je größer die Qual, je unbedingter die Konzentration aufs Jetzt. Er reduziert den Schmerzempfänger, ändert die Wahrnehmung. Signalisiert Grenzen. Reißt das Subjekt aus Zusammenhängen. Entfremdet. Produziert Bewusstsein. Er ist wohl das, was im realexistierenden Sozialismus „Widersprüche“ hieß. Die Kehrseite jenes Glücks, das man spürt, wenn es fehlt. Ihn spürt man, wenn er da ist. Sich spürt man, wenn es wehtut. „Der Schmerz hat die Potenz, alles Wissen und alle Hierarchien infrage zu stellen“, behaupten die Macher der Ausstellung „Schmerz“ im Hamburger Bahnhof in Berlin. Und sie spitzen zu: Ein Leben ohne ihn würde zur „schmerzhaften Verzweiflung eines lauen Behagens“ führen.

Welt ohne Schmerz, eine Utopie! Und doch bedient die im Hamburger Bahnhof und in der Charité aufgebaute Ausstellung populäres Interesse: In diesem Bereich – „Wenn ich liege, Herr Doktor, geht’s“ – ist jeder Spezialist. Das Leben, ein Wartezimmer-Talk. Auf einem Tuntenhauser Altarbild des 16. Jahrhunderts lässt der Stifter seine Irrfahrt durch graue Operationssäle abbilden, bis zur Rettung durch die Madonna. In dem DDR-Kindertrickfilm „Herr Daff hat Schmerzen“ wird ein komischer Kranker kreuz und quer durch alle Apparate geschleust. Das Schmunzeln des Betrachters stellt die Intensität der Pein kaum infrage: Schmerz-Qualität ist nicht objektivierbar.

Darum werden Liebeskummer und Kopfweh hier so ernst genommen wie jene Operationen ohne Betäubung, die Soldaten des 19. Jahrhunderts auf dem Schlachtfeld erlitten: unter dem hohen Zelt einer schwarzen Sichtschutzmaske, ein Beißholz zwischen den Zähnen. Abdrücke in diesem Objekt zeigen nicht den subjektiven Geheimnisträger Schmerz, der sich authentischer Reproduktion versagt, sondern – wie jede Kunst – seine Spuren.

Für urzeitliche Schamanen entstand Schmerz durch dämonische Fremdkörper. Die Pharaonen sahen Totengeister am Werk. Für die Griechen lag im Herz das Zentrum sinnlicher Empfindung. Descartes verstand ihn nur als Alarmglocke der Körpermaschine (und grübelte über den Phantomschmerz). Seelische, körperliche und metaphysische Zusammenhänge wurden in der Folge voneinander abgespalten. Gegen die Verabsolutierung neurologischer Erkenntnisse geht der polemische Satz, nicht das Gehirn habe Schmerzen, sondern der Mensch. Anästhesie und Pharmakologie erstreben oft die Abschaffung des Schmerzes mit allen Mitteln, entsprechen damit der Ausgrenzung des Phänomens im gesellschaftlichen Alltag heute.

Zugleich erkennt die Medizin, dass es Krankheit ohne Schmerzen gibt, Schmerzen ohne nachweisbare Krankheit. Wo sie chronisch werden, ist ihre Warnfunktion dahin. Zivilisationskritisch umkreist die Ausstellung „Ansichten“, den „Reiz“, die „Zeit“ und den „Ausdruck“ des Schmerzes. Man kann sie besuchen, um das Thema zu erforschen, Kunst zu sehen oder: um Karfreitag zu feiern.

Das Unternehmen profiliert sich – was seine Objekte und Katalogessays betrifft – theologischer, als die Kuratoren geplant haben mögen. Daniel Tyradellis und Annemarie Hürlimann hatten zuletzt im Jüdischen Museum eine ironische Freud-Hommage realisiert. Ihren natur- und geisteswissenschaftlichen Kreuzweg durch Schmerz-Interpretamente des Abendlandes gliedern nun lexikalisch aufgemachte Begriffe: „Crux“, „Dubitatio“ – der Zweifel, „Compassio“ – das Mitleiden, „Dignitas“ – die Würde, „Incarnatio“, „Translatio“ – der Übergang, „Ekstasis“, „Melancholia“, „Tempus“ und „Exprimo“ – der Ausdruck. So entstehen etymologisch-verspielte Assoziationen.

Die Objektauswahl gelang, in Gegenposition zur globalisierten MoMA-Aquise, großteils über örtliche Leihgeber. Weniger gelungen wirkt die Joint-Venture-Premiere des Medizinhistorischen Museums mit dem Museum für Gegenwart. Die Spannung fällt ab, sobald man das Charité-Gebäude betritt, zumal dort in einem Raum die Dauerausstellung historischer Organpräparate dominant belassen wurde und nur eine Vitrine für „Kunst“ freigeräumt ist. Wer sein Besucher-Erlebnis dramaturgisch optimieren möchte, sollte in der Charité beginnen, um sich im Hamburger Bahnhof steigern zu können.

Das wuchtige Zentrum der Erzählung heißt „Incarnatio“. Den Terminus hat die fromme Tradition gern entschärfend als „Menschwerdung“ übersetzt. In diesem Schlachthauszimmer wird sie als Einfleischung wörtlich genommen. Gott = Mensch = Fleisch = Schmerz. Francis Bacons unentrinnbares „Crucifixion“ (1965) gibt den liturgischen Grundakkord. In der Mitte des Raums eine Vitrine. Beige und grünlich schwimmen Gehirne, Organe, abnorme Extremitäten, von krankheitsbedingten oder harmlosen Verfärbungen markiert, in Spiritus. Beim Blick durchs Vitrinenglas verschwimmt hinten an der Wand Bacons Metzger- Triptychon: herausbrechende Eingeweide am Kreuz; zwei Täter, staksende Geschwürmonster, mit Hakenkreuzbinde; zwei Zuschauer mit Hut am Tresen. Am Ende bleiben Haut, Fleisch, Knochen: in der Raumecke Berlinde de Bruyckeres „Speechless Grey Horse“ (2004), ein konservierter Kadaver. Auf dem Tisch Votivgaben aus Wachs, Holz, Eisen, Ton: Repräsentanten geheilter Glieder. In einem Archivkasten Schnittpräparate chirurgischer Eingriffe und Dr. Gottfried Benns OP-Gedicht von 1912: „Narkose, ich kann nicht operieren / Der Mann geht mit seinem Bauch spazieren.“

Es macht die Stärke dieser dunklen Reise aus, dass Exponate jenseits ihrer Platzierung im Besucherkopf korrespondieren. Unter dem Titel „Compassio“ hängen dementsprechend einander gegenüber: ein Video Bill Violas, auf dem Schauspieler Mitgefühl imitieren – und Fotos von Schmerzexperten der Charité, Profis mit abgesenkten Mundwinkeln, zwischen nötiger Distanz und portionierter Sympathie. Mitleid, sagt der Katalog, sei ein Schmerz, den wir nicht haben.

Ein paar Ecken weiter hat Micol Assael eine Isolationszelle „Ohne Titel“ (2003) installiert, zweieinhalb mal fünf mal fünf Meter: Blechwände, Blechpritsche, Luft per Turbine. In der Charité wiederum steht Louise Bourgoises „Cell VII“ (1998), ein Paravent-Kabuff mit gesprungener Glasscheibe, in dem Leibchen und Organe an Bügeln baumeln, auf dem Boden hockt eine Riesenspinne. Sollte es am Ende doch wunderbar möglich sein, in das Verlies individueller Qual teilnehmend einzudringen? Wird daraus Leiden für andere? Religiöse Überhöhung demonstriert im „Ekstasis“-Kapitel ein Hl. Sebastian, dessen Märtyrer-Verzückung erstaunlich an Sam Taylor-Woods „Brontosarus“ (1995) erinnert, den komisch- rührenden Rollenfindungstanz eines nackten Mannes neben einer Saurierfigur. Dieses Video fasst für Kurator Tyradellis melancholischen Weltschmerz – „Ich bin hier grundsätzlich falsch“ – am schönsten zusammen.

Ursprünglich sollte im „Crux“-Raum, dem Pendant zur „Incarnations“-Fleischerei à la Bacon, eine klassische Kreuzigung gezeigt werden, die der Leihgeber kurzfristig zurückzog. Die Ersatzlösung beschert der Ausstellung ein ungleich radikaleres Credo: Der Salzburger „Gnadenstuhl“ von 1470 ist eine Szene aus dem innergöttlichen Familienleben. Gottvater auf dem Kaiserthron, mit dem Heiligen Geist als Taube in der Krone. Den vom Kreuz genommenen Sohn hält er im Schoß. Dessen Wunden sehen immer noch unappetitlich aus. Jesus guckt irritiert, stier, als gehe ihm jenes „Ich bin hier grundsätzlich falsch“ durch den Kopf. Die Behauptung dieses Osterbildes ist eine Zumutung.

Schmerz ist Gott geworden, oder, wie man sagt: zu Liebe. Nichts ist zu verstehen. Das muss man glauben.

„Schmerz“: Hamburger Bahnhof (Invalidenstraße 50/51) und Medizinhistorisches Museum der Charité, 5. April bis 5. August 2007, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–20 Uhr, So 11–18 Uhr. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro.

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