Kultur : Je später die Orgien

Der greise Picasso malte mit erotischen Motiven um sein Leben: Die Wiener Albertina rehabilitiert sein Alterswerk

Nicola Kuhn

Das Bild ist eine einzige Raserei. Arme, Beine, Hände, Füße, oben, unten – alles geht wild durcheinander in der ungestümen Umarmung dieses nackten Paares. Hinterfangen wird dieser Wirbel an rosafarbenen Körperteilen, die auf schwarzem Grund gebettet sind, von einer riesigen blauen Welle. Aus dem Wasser kommt alles Leben, dahin kehrt es zurück, lautet untergründig das Thema. Danach hat Pablo Picasso nie mehr ein Ölbild gemalt. Mit dem 1. Juni 1972, so das vom Künstler akribisch festgehaltene Entstehungsdatum, kehrt er der Staffelei für immer den Rücken zu; bis zu seinem Tod, ein Dreivierteljahr später, sind gleichwohl weiterhin zahlreiche Zeichnungen und Grafiken entstanden. Wer das Bild ohne Vorwissen sieht, würde nie darauf kommen, dass es von einem Neunzigjährigen stammt, schon gar nicht, dass er damit Abschied von der Leinwand nimmt.

Picassos Spätwerk entzieht sich jeglicher klassischer Regelhaftigkeit. Das prompte Echo des Publikums war empörte Ablehnung, ja Polemik. Douglas Cooper, ein Sammler und früherer Wegbegleiter, schrieb angewidert von „unzusammenhängenden Schmierereien, ausgeführt von einem rasenden Greis im Vorzimmer der Todes“. Dreißig Jahre und damit eine Generation später sind diese Alterswerke, die damals im Papstpalast von Avignon noch Skandal machten und als Geschenk des Künstlers vom Stadtparlament indigniert abgelehnt wurden, wieder zusammen zu sehen. Diesmal allerdings in der Albertina in Wien, die damit die 1000 Quadratmeter großen neuen Ausstellungssäle, die „Jeanne and Donald Kahn Galleries“, ihrer Bestimmung übergibt. Erneut sind die Bilder eine Sensation, freilich in einem anderen Sinn.

Die von Werner Spies, dem Picasso-Kenner und langjährigen Direktor des Pariser Centre Pompidou, eingerichtete Schau öffnet dem Publikum die Augen ein zweites Mal. In der klugen Gegenüberstellung von Malerei, Zeichnung und Grafik aus dem letzten Lebensjahrzehnt dieses Ausnahmekünstlers formt sich eine sowohl rauschhafte als auch hochreflexive Schaffensphase heraus, die es mit den kunsthistorisch kanonisierten Abschnitten der Blauen, Rosa, Klassizistischen, Surrealistischen, Kubistischen Perioden gleichberechtigt aufnehmen kann. Drei Jahrzehnte nach seinem Tod korrigiert sich der Blick auf den Jahrhundertkünstler erneut.

Überraschend kommt diese Wende nicht. In Werner Spies’ Berliner Ausstellung „Die Zeit nach Guernica“ 1992 in der Neuen Nationalgalerie bahnte sich die Rehabilitation bereits an, nachdem schon in den Achtzigern die neuen Wilden, Georg Baselitz allen voran, in den rauschhaften, grellfarbig-expressiven Werken des späten Picasso ihr Vorbild sahen. Wer wollte, konnte die Schritte zu einer veränderten Rezeption auch selber gehen, in einer der zahlreichen Picasso-Retrospektiven. Der Zufall will es, dass fast parallel mit der Großausstellung in Wien das Museum Berggruen in Berlin zum zehnjährigen Bestehen genau solch eine Rückschau aufs Lebenswerk hält – fokussiert auf Arbeiten auf Papier, die das Pariser Musée Picasso aus seinem Bestand zur Verfügung stellt.

Derweil zeigt Heinz Berggruen im Austausch seine Picasso-Sammlung in Paris, wo erstmals mit Staunen der exquisite Geschmack und das Entdeckerauge des früheren Kunsthändlers zur Kenntnis genommen wird, der einst unweit an der Seine sein Geschäft besaß. In Berlin weiß man seit 1996 darum; 1,5 Millionen Menschen besuchten bisher das Berggruen-Museum in Charlottenburg. Dahinter verbirgt sich auch die besondere Geschichte mit der Stadt: Berggruen, der heimgekehrte Sohn, der nach Verfolgung im Dritten Reich mit seiner Heimat im hohen Alter Frieden schloss und seine Sammlung klassischer Moderne übergab. Die Berliner Jubiläumsausstellung führt behutsam Raum für Raum, Blatt für Blatt zum Furor des späten Picasso hin. Plötzlich explodieren die Formen, manisch umkreist der Stift das Thema Sexualität, weil sich der greise Künstler nur daraus Leben und Lust verspricht.

„Malen gegen die Zeit“ hat deshalb Werner Spies seine Ausstellung überschrieben, was in zweierlei Hinsicht den Punkt trifft: Zum einen arbeitete Picasso mit seiner enormen Produktivität gegen die eigene Endlichkeit an. Zum anderen gegen den Geist der Zeit, in der vornehmlich Konzeptkunst und Minimal-Art in Mode war, gegenständliche Malerei aber als gestrig galt. Picasso hat auf diesen Sturz vom Thron, der letztlich folgenlos blieb, nicht mit Verbitterung reagiert, sondern mit Entschiedenheit eine neue Etappe in seinem Leben wie Werk anvisiert: 1961 heiratet er seine zweite Frau und letzte Lebensgefährtin, die 45 Jahre jüngere Jacqueline Roque, und zieht sich mit ihr von der Pariser Betriebsamkeit zurück nach Mougins in den Bergen über Cannes, wohin ihm auch seine Lieblingsdrucker, die Brüder Crommelynck, mit ihrer Werkstatt folgen.

In der Abgeschiedenheit gelingt ihm, was die Zeitgenossen nicht mehr zu erfassen vermögen: Picasso nimmt eine letzte stilistische Wende, weiterhin auf Augenhöhe mit seinem vorangegangenen Werk. In regelrechtem Stakkato malt, zeichnet, radiert er; für jedes Medium, jedes Werk nimmt er sich gleich wenig Zeit. Damit erklärt Spies die hastige Malweise und offene Struktur der Gemälde, während Zeichnungen und Grafiken von Sorgfalt und Detailfreude zeugen. Mit jedem neuen Werk tickte die innere Uhr. Die verrinnende Zeit ließ sich nur mit dem Lustgewinn kompensieren, den der Künstler aus der unverhohlenen Darstellung erotischer Motive zog. Immer wieder kehrt er zum Thema Maler und Modell zurück, in mal geringerer, mal größerer Zudringlichkeit.

Auch darin ist der alternde Picasso alles andere als nur lüsterner Greis. Er bleibt der reflektierende Maler, der sich im Kontinuum der Kunstgeschichte weiß und Werke seiner großen Vorgänger Velazquez, Rubens, Rembrandt aufgreift. Toreros, Musketiere in üppig-bunten Gewändern tauchen auf, die mit ihren Säbeln und überlangen Pfeifen nur als amouröse Abenteurer kämpfen. Doch Picasso spielt nicht nur Maskerade und wilde Affäre an der Staffelei, sondern schaut auch gnadenlos sich selbst ins Gesicht, was er Zeit seines Lebens in der Kunst vermied. Er malt sein markantes Konterfei als eine Mischung aus Totenschädel und Affenkopf. Die Energielinien ziehen sich violett und pinkfarben um die angstvoll geweiteten Augen, die Nase und den Mund hoch bis zur Stirn. Auch dieses Bild steht auf der Schwelle zwischen Anfang und Ende des Seins. Am 8. April 1972 stirbt Picasso, mitten aus dem Schaffen herausgerissen.

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