Kultur : Je später die Sommergäste

Eine Theatertreffen- Diskussion über den Ekel

Christine Wahl

Die erste offizielle Diskussion des diesjährigen Berliner Theatertreffens startet mit Applausübungen. Ein gut gelaunter Moderator erklärt einem weniger gut gelaunten Publikum in der Spiegelbar des Festspielhauses, wie sich „ein richtig toller Applaus“ anhört. Die Veranstaltung, in der die Regisseure Jürgen Gosch, Andres Veiel („Der Kick“) und Daniel Wetzel, die Theaterkritikerin und Theatertreffen-Jurorin Christine Dössel von der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Spiegel“-Kulturchef Matthias Matussek über „Dogmen des alten Theaters: Oder die Rückeroberung der Wirklichkeit?“ diskutieren sollen, wird fürs Fernsehen aufgezeichnet.

Der Moderator heißt Dieter Moor, ist dem Fernsehpublikum von Sendungen wie „Ex! Was die Nation erregte“ und großen Teilen des Theaterpublikums vermutlich eher nicht bekannt. Als Gesprächsleiter besticht er weniger durch Sachkenntnis als Unerschrockenheit. Moor kann Podiumsgästen wie Gosch ohne Bauchschmerzen den Satz „Theater ist für mich ...“ zur schmissigen Vollendung in den Mund legen. Dafür nimmt er Moderatoren-Bashing mit einer Freundlichkeit entgegen, als habe er jahrelang im Kundenservice der Telekom hospitiert.

Trotzdem eine gute Wahl. Denn erstens wäre die Veranstaltung sonst schon nach zehn Minuten beendet gewesen oder zumindest ohne Gosch weitergegangen. Zweitens passt das alles zum Einspielfilm, der noch einmal die „Ekeltheater“-Debatte auswalzte. Kapriziert hatte sie sich auf Goschs „Macbeth“-Inszenierung, welche gerade das Theatertreffen eröffnet hatte. Das Filmchen ist ein krudes Potpourri aus nackten Gosch-Schauspielern, Kreuzberger Kopftuchträgerinnen, Folterszenen aus Abu Ghraib und der „Bild“-Schlagzeile: „Warum ist unser Theater so versaut?“

Gosch ist dann als Erster dran. Er eröffnet mit dem Satz: „Ich sitze nur aus Höflichkeit noch hier.“ Abu Ghraib mit seiner „Macbeth“-Inszenierung „zusammenzuschmeißen“, sei „reine Pornografie“, und als Teilnehmer einer pornografischen Debatte sei er, so viel er wisse, nicht aufs Podium geladen worden. Moor lächelt tapfer. Er sagt, dass er den Einspieler nicht produziert habe und dass es schön wäre, wenn Gosch jetzt trotzdem mal was zum Thema sagen könnte – also dazu, wie das so sei mit dem Verhältnis von Wirklichkeit und Kunst in seinem Theater. Gosch kämpft ein paar Augenblicke mit sich und entscheidet sich gegen den Eklat. Fortan wolle er keine Fragen mehr beantworten, sondern nur das erzählen, was ihm gerade so in den Sinn kommt. Es sind die einsamen Höhepunkte der Veranstaltung.

Und leider die kürzesten. Denn Matthias Matussek hat sich vorgenommen, alles, was wir über Theater und Wirklichkeit wissen müssen, im Alleingang über die Rampe zu bringen. Es ist nicht viel. Alles Profunde, was die komplett unterforderten Kompetenzen Dössel, Veiel und Wetzel zur Niveauhebung beizusteuern versuchen, watscht er wie ein rüpelndes Kleinkind mit dem Einwurf „Phrase, Phrase!“ ab.

So hat Matussek, der im „Spiegel“ den Lärm um nichts überhaupt erst in Schwung gebracht hatte, indem er den selbstbewusst mit seiner Theaterunkenntnis kokettierenden Pop-Autor Joachim Lottmann vorschickte, auf das angeblich grassierende „Ekeltheater“ einzuprügeln, endlich Raum für seine eigenen Phrasen. Respekt vor dem Text! Vor dem Publikum! Und den Steuergeldern!

Theater, so das Resultat des Abends, ist immer dann gut, wenn Matussek es versteht. Und da der „Spiegel“-Kulturchef seinen eigenen freimütigen Bekundungen zufolge vor sechs Jahren bei Peter Steins Goethe-Marathon erstmals in seinem Leben „Faust II“ sah, kann sich jeder Regisseur vorstellen, wie schwierig das Matussek-Theater zu machen ist. Im Zweifelsfall sollte eine zweite Stein-Inszenierung zur Orientierung herangezogen werden, die Matussek noch in großartiger Erinnerung hat: Es handelt sich um die – jawohl! – „Sommernachtsgäste“ der Schaubühne. Der Rest ist Gelächter aus dem Parkett.

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