Kultur : Jean-Christophe Ammann: Der Steuermann geht

Christian Huther

Eigentlich hatte man diesen Schritt schon vor sechs Jahren erwartet, als quasi über Nacht der Kulturetat zusammengestrichen wurde. Aber Jean-Christophe Ammann wollte nicht "Fahnenflucht" begehen und blieb in Frankfurt. Vor wenigen Wochen indes kündigte der Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK) seinen vorzeitigen Abschied zum Ende des nächsten Jahres an. Dabei hat sich seit 1994 nichts grundlegend geändert. Den Museen geht es sogar etwas besser, wenn es auch weiterhin keinen regelmäßigen Ausstellungsetat gibt. Das MMK ist auf Finanzspritzen angewiesen. Doch der 61-jährige Ammann scheut inzwischen die zusätzliche Belastung, jährlich eine Million Mark aufzutreiben. Er möchte sich stärker den Inhalten widmen. Bei einem gut ausgestatteten Haus würde er länger bleiben. Er ist schlicht des Geldsammelns überdrüssig.

Zweifellos hat Ammann dem 1990 eröffneten Museum seinen Stempel aufgedrückt. Kein anderer kann ebenso kenntnisreich wie charismatisch über die zeitgenössische Kunst sprechen. Doch seine Sammlung erfreut sich nicht derart ungeteilter Zustimmung. In seinen halbjährlichen "Szenenwechseln" schreckt Ammann immer wieder mit dem Thema Sexualität ab - vor allem mit Fotografien von Nobuyoshi Araki oder Bettina Rheims, wenn ihre Bilder auch nur einen kleinen Prozentsatz der etwa 7000 eigenen Werke ausmachen. Doch auch der Direktor selbst ist mit der Sammlung nicht recht zufrieden, kann er angesichts eines Ankaufsetats von 50 000 Mark kaum noch etwas von Künstlern der mittleren Generation wie Katharina Fritsch, Rosemarie Trockel oder Lothar Baumgarten erwerben. Ganz zu schweigen von Altstars wie Gerhard Richter, Alex Katz oder Lucian Freud. So schaut er auf jüngere Generationen und hofft, dass seine Ankaufspläne mit Robert Gober und Vija Celmins aufgehen. Doch der Hinwendung zur Jugend gewinnt er auch positive Seiten ab: "Wir gehen in die Zukunft; viele Museen verstärken aber nur bestehende Positionen der Vergangenheit."

Gewiss wird Ammann nicht leicht zu ersetzen sein; ein Nachfolgekandidat ist nicht in Sicht. Der amtierende Direktor sitzt selbst in der Findungskommission, die sich bald an die Arbeit begibt, um die Kontinuität seiner Arbeit zu sichern. Und danach? Auf jeden Fall bleibt er in Frankfurt, will weitere Sammlungen aufbauen, wie kürzlich für die Frankfurter Börse. Doch könnte er sich auch die Leitung eines reinen Ausstellungsinstitutes vorstellen, wenn er dafür von der ungeliebten administrativen Verantwortung befreit würde.

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