Kultur : Jean Dubuffet: Mandarine im Zoo

Hans-Dieter Fronz

Jean Dubuffet benötigte mehrere Anläufe, bis seine Bilder und Skulpturen den Weg in die großen Museen und Sammlungen der Welt gefunden hatten. Der heute vor hundert Jahren in Le Havre geborene Sohn eines Weinhändlers hatte die Vierzig schon überschritten, als er - halbherziger Gefolgsmann der Kubisten wie der Surrealisten - 1942 endlich zu einer eigenen Handschrift fand: Malereien entstanden nun, die wie der "Hochdekorierte Akt" durch bunt-infantilen Malduktus überraschten. "Radfahrer mit fünf Kühen" sieht mit dem fröhlichen Radler und den stereotyp auf einem Hügel gereihten Tieren einer Kinderzeichnung so ähnlich wie die "Glückliche Gegend" von 1944: Inkunabeln dies allesamt einer nachgerade prosperierenden Kunstrichtung, die der feinsinnige Bewunderer der schöpferischen Kraft von Naiven, Kindern und Geisteskranken in tiefr Abneigung gegen den offiziellen Kunstbetrieb kreierte. Art brut übt bis heute - von Cobra bis zu Moritz Götze - ihren Einfluss aus.

Als Dubuffet in den vierziger Jahren die Mandarine des Pariser Geisteslebens porträtierte, ging es ihm um äußere Ähnlichkeit zuletzt. Jouhandeau verwandelte sich unter seiner Hand in ein Insekt - ein bebrilltes Käferwesen -, der Kunstkritiker Limbour in ein Krustentier, Francis Ponge in einen debil grinsenden Gipskreis, dessen Rumpf nicht geringe Ähnlichkeit mit Spielzeugautos aufweist. In lustvoller Regression verstieß Dubuffet gegen alle Benimm-Regeln der Kunst. Der rousseauische Antikulturalismus des überaus kultivierten Künstlers suchte nicht die Provokation um ihrer selbst willen, sondern zielte auf die Evokation dessen, was unter kulturellen Prägungen und Verfeinerungen verborgen liegt. Durchwirkt wird er von der Heiterkeit eines nietzscheanisch freien Geistes, welcher ein köstlich-warmer Humor entquillt.

Bis an den Rand der Abstraktion führte Dubuffet seine aufs Elementare reduzierte Gegenstandswelt. In flächigen Kompositionen teilte er den Malgrund in wenige Farbfelder oder in ein mosaikartiges Formgewimmel auf, das mitunter zum ornamental strukturierten Vexierbild wurde. Nicht selten warf sich die Farbe zu pastosen Kraterlandschaften mit zeichenhaft eingeritzten Figuren auf.

Machte sich in Dubuffets Malerei ein Vorrang des Objekts in der mitunter nahezu ungeformten Stofflichkeit von Farbe oder Materialien wie Gips und Sand geltend, so gab es dazu ein Entsprechug in den seit 1954 entstehenden plastischen Arbeiten: Skulpturen im Niemandsland zwischen Figuration und Abstraktion, häufig nahezu amorphe Gebilde aus kunstfremden Materialien wie Schwamm, Kunststoff oder - etwa bei dem in Würde zerfließenden "Obéron" - Papiermaché. Daneben entstanden, manchmal eingebunden in architektonische Projekte wie den Emaille-Garten in Otterlo oder die Villa Falbala in Périgny-sur-Yerres, Riesenplastiken gleich dem "Doppeldecker-Baum" aus Polyester von 1968.

Dafür, dass Dubuffet das Publikum auf seine kunstgeschichtlichen Neuerungen hatte lange warten lassen, stellte sich sein Ruhm überraschend schnell ein. Schon 1960 waren ihm erste Retrospektiven in Hannover, Zürich und Paris gewidmet. 1984 bildete die Werkserie "Mires" den französischen Beitrag zur Biennale von Venedig. Im selben Jahr entstanden die letzten Werke: "Non-lieux", Acrylbilder mit nun wirklich abstrakten Farblineaturen. Am 12. Mai 1985 verstarb Jean Dubuffet über der Arbeit an seiner Autobiografie.

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