Jean Echonoz’ Roman „Blitze“ : Hochspannungsleben

Wundermann aus heroischer Wissenschaftszeit: Jean Echonoz’ Roman „Blitze“.

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Er habe ein Gehirn „wie die Kuppel des Petersdoms“, neben dem der gewöhnliche Durchschnittsverstand „wie ein Salzstreuer“ wirke – so hat sich ein Zeitgenosse über Nikola Tesla geäußert. Der Schlauberger, der von 1856 bis 1943 lebte und nach dem heute der Flughafen von Serbiens Hauptstadt Belgrad benannt ist, firmiert unter dem Namen Gregor als Hauptfigur in Jean Echenoz’ neuem Roman „Blitze“. Es ist der dritte Teil einer Trilogie – die beiden vorhergehenden Kurzromane von Jean Echenoz waren dem französischen Komponisten Maurice Ravel und dem tschechischen Laufwunder Emil Zátopek gewidmet.

Nach dem Komponisten und dem Sportler nun also der Wundermann aus der heroischen Zeit der Naturwissenschaften. Was hat er nicht alles erfunden oder zumindest angedacht: Röntgenstrahlen, Telegrafie, Fernbedienung, Roboter, Elektronenmikroskop, Teilchenbeschleuniger, Torpedo – ein moderner Prometheus. In einem zwischen „zwei Bergketten eingezwängten“ Balkandorf geboren, kommt das Genie früh über ihn. Nach Stationen in europäischen Hauptstädten geht er nach New York und steht dort schon am zweiten Tag in den Diensten Thomas Alva Edisons, seinerseits der Erfinder von Glühbirne, Telefon, Tonaufnahme und hundert anderen, die Welt entscheidend verändernden Dingen. Edison macht sich Gregors Talent gleich zunutze, um ihn anschließend gründlich zu hintergehen.

Es ist die Zeit des amerikanischen „Stromkriegs“. Edison und George Westinghouse liefern sich einen harten Kampf um die Elektrifizierung Amerikas. Edisons Gleichspannungstechnik hat Nachteile: Der Strom lässt sich nicht über längere Strecken leiten. Deshalb versucht Edison die Gefahren der überlegenen Konkurrenztechnik des Wechselstroms herauszustellen: Zahlreiche Tiere werden zu Demonstrationszwecken mit Wechselstrom getötet; darunter ein straffällig gewordener Elefant. Bei dieser Gelegenheit wird auch der elektrische Stuhl erfunden.

Faszinierend schildert Jean Echenoz, wie Gregor als bester Mann im Westinghouse-Team charismatische Öffentlichkeitsarbeit für den als „Hinrichtungsstrom“ diskreditierten Wechselstrom leistet, mit spektakulären Shows, in denen er unter Krachen und Blitzen mehrere hunderttausend Volt Spannung zwischen seinen Händen fließen lässt – ein Magier der Elektrifizierung. Der immer bestens gekleidete Zweimetermann verkehrt mit den Reichen und Berühmten; er lebt in den teuersten Hotels, ein Snob, der seine feinen Lammlederhandschuhe nach einmaliger Benutzung wegzuwerfen pflegt.

Die Helden des 1947 geborenen, in Paris lebenden Jean Echenoz sind schemenhaft und konturenscharf zugleich. Ihre Eigentümlichkeiten werden nicht ergründet, sondern beschrieben. In diesem Sinn liefert dieser Roman ein psychologisches Porträt; keineswegs ein schmeichelhaftes. Am Leitfaden des Klischees, dass Genies zwar genial, aber menschlich verschroben seien, wird hier ein defizitärer, betont „unangenehmer“ Charakter entwickelt, selbstverliebt, zur Verachtung anderer Menschen geneigt. Schwierigkeiten hat Gregor vor allem mit den Gefühlsströmen; wegen seiner emotionalen Inkompetenz fällt er immer wieder Intrigen zum Opfer. Mit seinen Erfindungen, etwa einer Bogenlampe oder der Neonröhre, werden andere reich. Unter Waschzwang und Mikrobenpanik leidend, kommt er auch den Frauen nicht nahe und bleibt ein hartnäckiger Junggeselle. Mit seinen ironischen Erzählgesten der Verwunderung und Distanzierung hält Jean Echenoz das Porträt des Erfinders gekonnt in der Schwebe: „Kurz, er wird immer unsympathischer.“

Auch Gregors Ideen stoßen zunehmend auf Befremden. Er hat Energiequellen im Sinn, die die ganze Menschheit zum Nulltarif mit Strom versorgen könnten, was seine Finanziers nicht so überzeugend finden. „Was wird dann aus mir?“, wendet der mächtige Bankier J. P. Morgan ein, „wo bringe ich den Zähler an?“ Während des Ersten Weltkriegs präsentiert Gregor den amerikanischen Militärs Ideen für bahnbrechende strategische Entwicklungen wie Radar und Rakete; die Experten schütteln die Köpfe, verdrehen die Augen.

Gregors Stern sinkt, er wendet sich den Vögeln zu, vor allem den Tauben, die der Erzähler mit demonstrativem Abscheu schildert. Er kann seinem merkwürdigen Helden den Tauben-Tic aber nicht austreiben, sondern muss widerwillig, aber getreulich protokollieren, wie Gregor seine immer schäbigeren Hotelzimmer zu Sanatorien für das von der Straße aufgelesene Geflügel macht. Der Möglichkeitsmensch, der um die Früchte seiner Idee betrogen wurde und immer wieder Rück- und Tiefschläge erleben musste, stirbt schließlich verarmt, verschuldet, verkannt, verkauzt.

Das meiste an Gregors Geschichte entspricht der Biografie Teslas; sogar die Tauben-Obsession. Einige fiktive Elemente werden als Würzmittel hinzugegeben, zum Beispiel der pittoreske Intrigant Angus Napier, der sich als Gregors heimtückischer Gegenspieler profiliert. Ansonsten zügelt Jean Echenoz seine gewohnten Neigung, mit den Mustern der Genrekultur zu spielen, die er in „Die großen Blondinen“ oder in dem 1999 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Ich gehe jetzt“ ausgelebt hat.

Man könnte über Teslas Hochspannungsleben problemlos ein Tausend-Seiten-Epos schreiben. Jean Echenoz liebt es kurz und knackig, er begnügt sich mit prägnanten Szenen. So bleibt vieles angedeutet und auch etwas ominös, weckt die Neugier, was eine Qualität ist. Denn nach diesem reizvollen Vexierspiel von Fakten und Fiktion will man einfach mehr wissen, über den „Stromkrieg“, die Erfindung des elektrischen Stuhls oder die monströse Nase des Finanzmagnaten J. P. Morgan.

Also geht man schnurstracks ins Internet, das Tesla natürlich auch schon vorausgedacht hat. Wolfgang Schneider

Jean Echenoz: Blitze. Roman.

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.

Berlin Verlag,

Berlin 2012.

143 Seiten, 17,99 €.

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