Kultur : Jean-Jacques Lebel: Nackte Tatsachen

Knut Ebeling

Gemeinhin gelten Konservativismus und Avantgardismus als Gegensätze: Die Avantgarde ist progressiv, und wer konservativ ist, kann nicht Teil einer Avantgarde sein. Bei Jean-Jacques Lebel ist das anders: Der 1936 mitten in der Blüte des Surrealismus in Paris geborene Lebel ist seit seiner Bekanntschaft mit André Breton, Marcel Duchamp und Billie Holiday entschiedener Avantgardist, und da er seine Position seitdem nicht wesentlich geändert hat, konservativ.

Was André Breton für die Vorkriegs-Avantgarde war, ist Lebel für die französische Avantgarde der Nachkriegszeit: zentrale Anlaufstelle und künstlerischer Katalysator, zuweilen auch Nervensäge - Lebel hat die Kunstöffentlichkeit kaum je in Frieden gelassen. Außer einem "langen meditativen Exil", wie es heißt, in den achtziger Jahren, ist Lebel in der französischen Nachkriegsszene stets mit Ausstellungen und Happenings, als Kurator, Autor und Lautdichter präsent gewesen. Es gibt kaum einen künstlerischen Schlenker seit dem Surrealismus, den er ausgelassen, kaum eine bedeutende Künstlerpersönlichkeit, die er nicht gekannt oder zu seinen Freunden gezählt hätte.

Seine Laufbahn verlief geradlinig. Eigentlich hat er nach der Initiation in die engeren Kreise des Surrealismus nichts anderes mehr gemacht, als dessen Credo zu variieren. 1955 veröffentlicht er in Florenz seine erste Zeitschrift für Kunst, Poesie und Politik und hat seine erste Ausstellung. 1960 organisiert er in Venedig das erste europäische Happening und arbeitet in der Folge mit den Happening-Künstlern Claes Oldenburg und Alan Kaprow zusammen. 1964 erfindet Lebel das "Festival de la Libre Expression", 1968 beteiligt er sich aktiv an der anarchistischen Gruppe "Noir et Rouge" und am "Mouvement du 22 mars". 1979 veranstaltet er das erste Festival Polyphonix, das in einer Verbindung von Kunst, Performance, Musik und Video seither durch die Kontinente tourt. Einundzwanzig Jahre später, im Herbst des Jahres 2000, kommt das Festival Polyphonix endlich in Berlin an.

Einen "Grandseigneur der Anti-Kunst" nennt ihn Barbara Straka, Leiterin des Hauses am Waldsee, die zusammen mit Elena Zanichelli die Lebel-Retrospektive organisierte. Da Lebel die Formensprachen von Dadaismus und Surrealismus aus erster Hand gelernt hat, beherrscht er sie perfekt: Die 60 Gemälde und Collagen, Zeichnungen und Assemblagen, die Objekte, Skulpturen und Raum- und Klanginstallationen eines halben Jahrhunderts sehen aus wie original dadaistische oder surrealistische Arbeiten - und sind es auch. Nur eben 30, 40 oder 50 Jahre später angefertigt. Gleichzeitig hinterließen Linguistik und Ethnologie Spuren in seinem Werk, ebenso Marxismus und Psychoanalyse - Lebel hat die Pariser Nachkriegsmoden rauf- und runterbuchstabiert.

Ein Großteil von Lebels Werk besteht aus Würdigungen und Hommagen an die Inspiratoren wie Goya und de Sade, Dostojewski und Bakunin - jene in Paris gepflegte anarchische Anti-Moderne, die nicht nur für Lebel eine Art Gegenkanon bildet. Die Ausmaße der Verehrung wurden mit der Zeit immer ausufernder: Von den vergleichsweise zurückhaltenden "Porträt Duchamp" und "Hommage Artaud" der sechziger Jahre werden die Preisungen der Ahnen immer monumentaler, bis sie in dem raumgreifenden "Monument par A. Artaud" und "Monument à Félix Guattari" gipfeln. Félix Guattari, der Erfinder der Anti-Psychiatrie, wurde von Lebel so innig verehrt, dass er ihm 1994 im Pariser Centre Pompidou ein acht Meter hohe, multimedial motorisierte Erinnerungsskulptur errichten ließ. Manchmal kann die Vergangenheit die Gegenwart auch überwuchern. In diesen Momenten nimmt sich das Werk Lebels wie ein nostalgisch eingerichtetes Schloss im Dornröschenschlaf der Zeitlosigkeit aus.

Eine Hommage ist auch eines der Hauptwerke der Berliner Retrospektive. Schon 1961 fertigt Lebel sein "Porträt de Nietzsche" an, ein artistischer Devotionalienschrein, der außer disparaten Gegenständen wie Briefschachteln und Kakteen, Tierhörnern und Pin-Ups auch eine zerfledderte Ausgabe von Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse" enthält. Halb Biografie, halb Kunstgeschichte, halb sentimentale Erinnerung, halb nostalgischer Trödel vom Flohmarkt der Kultur, legt der Nietzsche-Altar im Todesjahr des Philosophen Zeugnis ab von Lebels Konzept eines "offenen Kunstwerkes" - ein Schlüsselbegriff für Fluxus wie Happening-Bewegung. Heute dagegen hat sich auch das offene Kunstwerk verschlossen und ist in den musealen Tempel der Kultur eingegangen. Am Ende eines Jahrhunderts, das jede Revolte, jede Überschreitung, jedes Anti- in seine Kunst aufzunehmen vermochte, verwundert die Geste des Anti-Künstlers, mit der Lebel noch immer auftritt.

Während man ihm zugute halten muss, dass er an den Traditionen der Avantgarde festgehalten hat und sie unbeschadet in die zweite Jahrhunderthälfte transportierte, wo er wichtige Anstöße zur Kunst der sechziger Jahre gab, ist sein eigenes Werk seitdem wie versteinert. Lebel verharrt in der Geste des Vermittlers, von denen es wenige gibt. So ist er schließlich nur der Bote einer untergegangenen Zeit, in der es noch eine echte Avantgarde gab und Künstler noch Künstler waren: mit Utopien und Weltveränderungsanspruch, mit Pathos und Botschaft. "Lebel, der Rebell" (Robert Fleck) bleibt am Ende durch alle Porträts, Hommagen und Grabmale hindurch Zeit seines Lebens der Schüler großer Lehrer.

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