Jean Michel Jarre : "Musik lässt sich nicht wie Zahnpasta verkaufen"

Elektropop-Pionier Jean Michel Jarre spricht im Interview über seine Lieblingskomponisten, Angst vor Zufällen, Netzpiraten - und einen Weg aus der Musikkrise.

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Zeremonienmeister. Jean Michel Jarre, geboren 1948 in Lyon, ist ein Wegbereiter der elektronischen Musik. Am Dienstag, 20 Uhr, spielt er in der O2-Arena.
Zeremonienmeister. Jean Michel Jarre, geboren 1948 in Lyon, ist ein Wegbereiter der elektronischen Musik. Am Dienstag, 20 Uhr,...Foto: Lanz Unlimited

Monsieur Jarre, ist Musikalität vererbbar?´

Kann ich nicht genau sagen. Bei mir ist das ein Sonderfall, weil mein Vater Maurice Jarre ein großer Komponist war. Aber meine Eltern trennten sich, als ich fünf war. Wir haben uns vielleicht 20 Mal getroffen, da war nicht mal ein Vater-Sohn-Konflikt, sondern schlimmer: Das Nicht-Vorhandensein eines Konflikts. Seine Musik habe ich kaum gehört.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie musikalisch sind?

An Malerei war ich früher genau so stark interessiert wie an Musik, ich konnte mich lange nicht entscheiden. Wie viel mir Musik bedeutet, habe ich über meinen Großvater erkannt. Er war Oboist, erfand das erste Mischpult für französische Radiostationen und einen der ersten tragbaren Plattenspieler. Für mich war das wie Zauberei, wenn er Technik und Musik mischte. Ich studierte am Pariser Konservatorium, meine Lehrer waren genervt, immer wenn ich ein Stück gelernt hatte, wollte ich Sound und Melodie verändern. Mich hat Re-Komposition stets mehr interessiert als Interpretation.

Wollten Sie je das absolute Gehör haben?

Schon, aber ich glaube nicht, dass das ein allzu wichtiger Aspekt ist. Wichtiger ist es, die physische Komposition eines Geräuschs zu verstehen. Pierre Schaeffer, der Schöpfer der musique concrète, ist für mich einer von zwei Komponisten, die die Annäherung an Musik für immer veränderten. Der andere ist Stockhausen. Die beiden haben erstmals Konzertmusik so definiert, dass sie nicht aus Noten besteht, sondern aus Geräuschen.

Sie gelten als großer Strawinsky-Fan. Dessen Kompositionen unterscheiden sich stark von der seriellen Musik Stockhausens und Schaeffers. Sie sind emotionaler.

Das stimmt. Aber um ehrlich zu sein: Bei Stockhausen und Schaeffer überzeugen mich die Konzepte noch mehr als die Musik selbst. Sie wurden in sehr intellektuellen, abstrakten Zeiten erdacht. Iannis Xenakis, ein weiterer konzeptueller Musiker, war eine Zeitlang mein Lehrer, er sagte: Jede Art von Emotionalität in Musik sei verdächtig. Welch eine Aussage!

Das macht ihn aber auch verdächtig.
Ja! Ich habe mich immer sehr für den Melodieaspekt der Musik interessiert. Für mich war etwa der Fellini-Filmmusiker Nino Rota zum Beispiel vom musikalischen Standpunkt ein viel stärkerer Einfluss als Stockhausen. Ich mag Kunst aus Italien generell gern, sowohl bei Musik, als auch bei Filmen, Architektur, Bildern. Ich finde, sie präsentiert oft etwas scheinbar Simples, Römisches sozusagen, das aber eine tiefe Traurigkeit versteckt. Wie in einem Fellinifilm, oder bei Antonioni. Die haben immer diese "Traurigkeit eines Clowns". In der Literatur finde ich das auch, bei Umberto Ecco oder Italo Calvino.
Clowns waren noch nie lustig...
Eben, schon als Kind fand ich die nicht komisch. Ich fing immer an zu weinen, wenn ich einen sah! Und diese italienische Art der Kunst ist für mich eine große Inspirationsquelle. Auch bei meinen eigenen Kompositionen gibt es oft simple Melodien, dahinter aber eine große Melancholie.

Bei Ihren Konzerten stehen Sie einsam am Keyboard. Fehlt Ihnen nie das Zusammenspiel mit anderen Musikern?

Momentan versuche ich für meine Tour ein Live- und ein Gemeinschaftsgefühl zu finden, inklusive Improvisation, mich auf der Bühne wie eine Band zu benehmen. Fast das Gegenteil von Pop- und Rockacts, bei denen vieles aufgenommen und mit Computern bearbeitet ist. Wir haben immer Angst vor Un- und Zufällen ... Und das trifft auch noch auf andere Lebensaspekte zu, ohne jetzt allzu philosophisch werden zu wollen: Ich glaube, einer der Grundünde für die momentanaktuelle Krise ist diese verzweifelte Jagd danach, perfekt zu sein.

... oder vor neuen Erfahrungen.

Unfälle sind die Basis für Kreativität. Auf der Bühne spiele ich auf modernen und alten elektronischen Instrumenten, quasi der Stradivari oder dem Bechstein der Elektronik. Die haben einen fantastischen, einmaligen Sound, sind aber nicht hundertprozentig verlässlich.

Klassische Musik wird meist ziemlich notengetreu und damit ähnlich dargeboten, bis auf die Unterschiede beim Dirigat.

Finde ich gar nicht. Darum ist Herbert von Karajan einer meiner Lieblingsdirigenten: Man kann seine Versionen sofort erkennen. Weil er nicht den Regeln folgt. Die Neunte von Beethoven ist in der Karajan-Variante länger als das Original. Es steckt immer sehr viel von ihm selbst in den Aufführungen, er übertreibt, benutzt andere Techniken. Neulich hab ich in New York James Levine als Dirigent von Wagners "Die Walküre" gesehen, das war sehr beeindruckend. Ich hasste dagegen - tut mir leid - Pierre Boulez' Version in Bayreuth. Die war zwölfeinhalb Stunden kurz, als ob Michael Schumacher im Ferrari hindurchbrettert. Die von Levine war 16 Stunden und 40 Minuten. Also: Man kann als Dirigent auch sehr starke Unterschiede machen. Doch grundsätzlich haben Sie recht. Heute ist das Meiste standardisiert. Deshalb versuche ich auf der Bühne, jedes Mal etwas zu verändern.

Sie sind mehr Grateful Dead als Kraftwerk?

Ja. Aber wissen Sie: Ich mag Kraftwerk sehr gern, ich mag auch die Idee gern, jeden Tag das gleiche Bild neu zu malen.

Hat der deutsche Krautrock Sie beeinflusst?

Wir haben ungefähr zur gleichen Zeit angefangen und steckten damals wie Ratten in unseren eigenen Laboren, ohne Internet und andere Austauschmöglichkeiten. Es kann einen ja auch schützen, nicht so sehr mit anderen in Verbindung zu stehen. Ein großes Problem unserer Zeit ist es, dass man mit einer Idee aufwacht, und bis Mittag hat man zehn Chats über die Idee, in denen alles schon aufgegriffen, bewertet, analysiert, weiterentwickelt und verdaut ist. Die neue Idee ist bereits vor dem Abend Geschichte.

1983 haben Sie mit „Pirate It!“ einen bahnbrechenden Gedanken formuliert: Man sollte Ihr Radiokonzert mitschneiden, anstatt eine Platte zu kaufen. Wie finden Sie Versuche, Musikrechte im Netz durch monatliche Abgaben zu regulieren?

Ich wollte sagen: Vorsicht, wenn wir Musik wie Zahnpasta verkaufen, töten wir ihren Wert. Die heutige Musikkrise hat viel damit zu tun, dass Musik eine Industrie ist. Musik muss wieder individueller werden, die Arbeit eines Künstlers, eines kleinen Labels.

Sie haben gut reden: Von ihrem Album „Oxygene“ verkauften sich weltweit 12 Millionen Exemplare, für ein Konzert auf der Place de la Concorde in Paris mit einer Million Zuschauern bekamen Sie einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

Das ist ein anderes Thema. Als ich meine Karriere begann, hätte ich nie gedacht, dass meine Arbeit mal frei zu haben wäre. Ich würde nur dann monatlich für Musik bezahlen, wenn ich auch im Supermarkt umsonst mitnehmen könnte, was ich will.

Essen ist lebenswichtig.

Hörer zahlen doch jeden Monat Gebühren.
Ja, und die Stationen zahlen eine bestimmte Summe an die Künstler. Doch im Netz ist es schwieriger. Irgendwann werden die Content Providers Billionen mit unserer Kunst machen, und spätestens dann müssen sie etwas zurückgeben. Die Ironie ist, dass Provider sogar weniger Steuern zahlen. Ich bin einer der Sprecher für IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) in Brüssel, und wir hinterfragen u.a. die zeitliche Limitierung des Copyrights. Ein Beispiel: Die Mona Lisa kann niemand kaufen, sie ist unvergleichlich wertvoll. Beethovens Neunte hat einen Wert von Null. Heißt das, dass Beethoven ein schlechterer Künstler ist?

Aber man kann doch einen Druck der Mona Lisa kaufen, genau wie man auch nur Aufnahmen nach Noten von Beethoven hören kann.
Ja, man muss diese Fakten aber neu evaluieren. Eine leere Seite und eine Seite voll mit Ihren Worten müssen unterschiedlich viel Wert sein. Der Akt der Kreation hat einen Wert, unabhängig davon, ob es auf CD oder DVD oder wo auch immer erscheint. Ein Patent muss grenzenlos sein. Es wäre schön, wenn die Gesellschaft aufhörte, Musik wie Tapeten zu benutzen, sondern ihren Wert erkennen würde.
Ich würde ohnehin die Kunstproduktion als solche gern mal kurz anhalten, um mehr Zeit für die bereits existierenden Werke zu ergattern...
Sie haben eine sehr westliche Herangehensweise, Sie könnten sich ja auch auf eine einzige Kunst, eine einzige Geschichte konzentrieren. Sie wissen ja ohnehin, dass Sie in Ihrem Leben nicht alles lesen oder hören können was es gibt. Man kann sein Leben auch einfach einer einzigen Sache widmen.

Das Gespräch führte Jenni Zylka.

Konzert: Di 8.11., 20 Uhr O2 World Berlin

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