Kultur : Jeanne Faust

Daniel Völzke

Es dürfe ruhig etwas peinlich werden. Für alle Beteiligten. Im Vorgespräch im Hamburger Bahnhof stellt Jeanne Faust klar: „Das Unbehagen gehört eben zu meiner Kunst.“ Dazu zeigt die Foto- und Videokünstlerin einen Film, den sie zu Beginn ihres Studiums an der Hamburger Kunsthochschule drehte. Darin ist zu sehen, wie die 1968 in Wiesbaden geborene Künstlerin Jeanne Faust auf einem Tisch hockt und die Selbstvergessenheit von Stadttauben imitiert. Nun gut …

Einige Jahre liegen zwischen diesem Frühwerk und Jeanne Fausts neuen Filmen, die den Zuschauer ganz anders fordern. In diesen durchkomponierten Arbeiten führen Schauspieler kühl-gekünstelte Dialoge, ohne übertriebene Gesten, ohne Gefühlsregungen. Sie betonen – recht brechtisch – das Schauspielen selbst, es geht dabei um Machtgefüge und Mikropolitik im Zwischenmenschlichen. Diese genau zu entschlüsseln, fällt allerdings schwer.

In dem Fünfminutenstück „The Mansion / Das Haus“ von 2004, mit dem Jeanne Faust nun den Wettbewerb um den Preis der Nationalgalerie antritt, baut sich in Dialogen ein fein ziseliertes Rätselgebilde auf. Ein älterer Mann (Lou Castel) und sein Sohn stehen in einem schummrigen Tonstudio vor einem Mikro und unterhalten sich. Es klingt wie ein Verhör: Der Vater hat einst die Familie verlassen, der Sohn klagt ihn an. Der Vater imitiert den Ruf der Nachtigall, das Gespräch versandet. Dann verschwindet der Alte, zwei sinistre Männer übernehmen das Fragen, die Situation kippt, der Sohn verliert die Oberhand. „Schöner Tag draußen“, sagt einer, dann gehen alle ab. Doch vorher blickt einer der „Bösen“ in die Kamera, so als wolle er fragen: „Haben Sie die Lösung?“

Jeanne Faust spielt mit Versatzstücken aus Genrefilmen, ignoriert Erzählkonventionen und überlässt es dem Betrachter, die Geschichte zu komplettieren. Ihre Fotografien wirken ähnlich, auch sie sind offenbar Puzzleteile komplexer Geschehnisse. Immer wieder geht es in Fausts Arbeiten ganz grundsätzlich um die Wahrnehmung selbst. In „The Mansion“ berichten die Figuren einander von Eindrücken – ein gemeinsames Erleben bleibt aber aus. Jeder ist auf sich zurückgeworfen. Nach dem Film steht der Betrachter im stockfinsteren Raum, zartes Gitarregezupfe erklingt in der Dunkelheit, wie zur Besänftigung. Unbehagen. Daniel Völzke

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