Kultur : Jede Kamera ist auch eine Kammer

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Fotografie ist platt, es fehlt die dritte Dimension. Zur Vermittlung des Raums greift sie auf einen illusionären Trick zurück; ihreZentralperspektive ist ja nicht nur geometrisch-optische Konstruktion, sondern auch Illusion eines real nicht vorhandenen Raumes. In dieser Spannung zwischen Konstruktion und Illusion entstand die erste für das Berliner Fotozentrum c/o entwickelte Ausstellung, anlässlich des nächste Woche beginnenden Kongresses der Internationalen Architektenunion (UIA). Bei dem von Simone Förster kuratieren Projekt mit sieben Fotokünstlern geht es allerdings nicht um konventionelle Architekturfotografie.

„Fotografische Dekonstruktion“ nennt Edgar Lissel seine großformatigen Schwarzweiß-Abzüge: Hier steht die Welt draußen vor dem Fenster Kopf. Lissel hat seine Küche zu einer camera obscura gemacht. Durch ein Loch im Fenster des komplett verdunkelten Zimmers zeichnet das Licht direkt auf an der Wand befestigtes Fotopapier. Herumstehende Flaschen und Geschirr hinterließen wie beim Fotogramm weiße Schatten darauf. Lissel zeigt wie eng die Beziehung zwischen Fotografie und Architektur in Wirklichkeit ist. Jede Kamera ist ja eine Kammer. Und das Foto wird nicht nur in der Dunkelkammer entwickelt, sondern ebenso in einem imaginären Raum, in dem das Netzhautbild vom Kopf auf die Füße gestellt wird.

Liefert Lissel einen Basiskurs zum Prinzip des Fotografischen, läßt Florian Balze das Foto ins Dreidimensionale wachsen. Die Fassaden eines kubischen „Lehrlingswohnheims“ hat er auf Faserplatte geklebt und als Baustoff für die fotoplastische Rekonstruktion der Architektur verwendet. Irritierend sind die im Bild belassenen Vordergründe vor dem Haus, die wie ein von jeder Seite divergierender Sockel anmuten. Der befremdliche Effekt lässt sich optisch erklären, widerspricht aber der gewohnten Wahrnehmung. Die fotografische Ambivalenz von Konstruktion und Illusion findet hier ihren schlagenden Ausdruck, während Balzes Marmorsäulen eine fast perfekte Täuschung herstellen. Die zwischen Boden und Decke installierten Säulen nutzen ein immergleiches Abbild des Steins samt des darunter liegenden Bildträgers in der gleichen Weise, wie heutzutage Betonstützen edel verkleidet werden.

Johannes Schwartz’ abfotografierte Kinderhütten zeigen improvisierte Bauten mit recycelten Sperrmüll-Elementen. Die Hütten werden ständig umgebaut, neu eingerichtet. Ihre stilistische Vielfalt reicht von üppigen Polstermöbeln bis zu puritanischen Plastikstühlen oder aus Brettern genagelten Sideboards. So also üben sich Zehnjährige auf Amsterdams Spielplätzen im Bauen. Vielleicht findet sich hier die Erklärung für die derzeit so hohe Baukultur der Niederländer.

Elemente der Architektur isoliert Heidi Specker in ihrer „Teilchentheorie“. Was vor Ort als Rasterfassade oder Betonsteinmauer en masse auftritt, findet sich nun im Foto zum „Teilchen“ herausseziert: eine Registratur jener formgebenden Elemente, auf denen sich die moderne Architektur aufbaut. In Oliver Bobergs Fotos entpuppt sich deren konstruktiver Charakter dagegen erst, wenn man die Täuschung durchschaut: Bei den so unscheinbaren Hauseingängen handelt es sich um Tischmodelle. In der Rekonstruktion kommt die Eigenschaftslosigkeit als typisches Merkmal suburbaner Gebäudetypen zum Vorschein. Die „reine“Form der Architektur gelangt nur über den Umweg des Modells ins Foto. Ähnlich modellhaft arbeitet Ricarda Roggan, doch greifen ihre sparsamen Arrangements aus gefundenen Möbeln in einem Bühnenraum authentische Konstellationen auf. Einschließlich der im milchigem Licht aufgenommenen, fast entmaterialisierten Lagerhallen Frank Breuers ist eine schöne Ausstellung gelungen, samt Rahmenprogramm:Videos,Führungen, Künstlergespräche. Mit Ausstellungen wie dieser könnte c/o die schmerzlich vermisste Rolle eines Berliner Zentrums für Fotografie zu einem Gutteil übernehmen.Ronald Berg

c/o Berlin, Linienstr. 144, bis 1.September.

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