Kultur : Jede Stimme zählt

Der phänomenale A-cappella-Chor Amarcord singt sich durch die Musikgeschichte

Carsten Niemann

Die einen bezeichnen sie als die deutschen King’s Singers, die anderen sehen in ihnen das deutsche Hilliard Ensemble. Ihre Freunde nennen sie inzwischen einfach nur „Amarcord“. Und Freunde haben die phänomenalen sechs Herren, die aus den Reihen des legendären Thomanerchors hervorgingen, reichlich. Zu ihnen zählt nicht nur ein breit gefächertes, immer internationaler werdendes Fanpublikum, sondern auch befreundete Ensembles aus aller Welt. Deren Namen lösen bei ganz unterschiedlichen Fans anerkennendes Kopfnicken aus: Popformationen wie The Real Group und Basta gehören ebenso dazu wie Spezialensembles von den Banchieri Singers bis zum Huelgas Ensemble.

Einen gemeinsamen Treffpunkt haben sie alle beim Leipziger A-cappella-Festival, das Amarcord vor zehn Jahren gründete. Die achte Ausgabe ging am Sonntag mit einem zu dreistündiger Länge erklatschten Abschlusskonzert im ausverkauften Gewandhaus zu Ende. So viel Zeit musste sein, um auch nur einen kleinen Einblick in die Vielfalt der A-cappella-Szenen zu gewinnen, die bei dem neuntägigen Festival aufeinandertreffen. Die Herren von Amarcord verhielten sich unter den Gruppen wie ein erfahrener Sänger im A-cappella-Ensemble: Sie schlugen mit Standards der Comedian Harmonists, die ihren Durchbruch übrigens einst in Leipzig erlebt hatten, programmatisch wie stilistisch die perfekte Brücke zwischen den Programmbeiträgen der Partner. Und mussten doch für sich selbst bestehen: Mit so viel Differenziertheit und feinem Wortwitz, wie sie etwa „In der Bar zum Krokodil“ intonierten, lauschte man dem vermeintlich ausgelutschten Hit aufmerksam, als höre man ihn zum ersten Mal.

Immer wieder hat es Amarcord seit seiner Gründung 1992 geschafft, mit Diskretion und Perfektion auf sich aufmerksam zu machen und damit nicht nur sich selbst, sondern auch der A-cappella- Szene zu dienen. Mit einer Mischung aus lebendiger Diktion, musikalischem Perfektionismus und stilistischer Vielseitigkeit ist es dem Ensemble als einem der ersten hierzulande gelungen, eine eigenständige Antwort auf die King’s Singers oder das Hilliard Ensemble zu finden, ohne deren Kopie zu sein. Hintergrund des unverwechselbaren runden, weichen und kräftigen „deutschen“ Klangs von Amarcord ist dabei die gemeinsame Zeit der Ensemblemitglieder bei den Thomanern.

Hier lernten die jungen Sänger den selbstverständlichen professionellen Umgang mit dem traditionellen Chorrepertoire kennen. Lange bevor sie die stark in der englischen Chortradition verwurzelten englischen A-cappella-Ensembles kennenlernten, machten die Jugendlichen eine eigenständige Entwicklung durch. „Es war sehr beliebt, Männerchöre zu singen – ganz harmlos und mit viel Spaß, wenn man nach einem Konzert zusammensaß, und auch, wenn der Bus vom Internat abfuhr“, erklärt Amarcord-Bass Holger Krause. Ein Ritual, mit dem die jungen Sänger ihre Unabhängigkeit betonten: „Der Reiz lag darin, mal einen Männerchor singen zu können, ohne Knabenstimmen, ohne Dirigenten.“

Dass aus diesen romantischen Chören, zu denen später Gospel hinzukam, auch mehr zu machen sei, lernten die jungen Sänger von einer älteren Gruppe von Thomanern, die ihr Hobby weiterentwickelten, den „Herzbuben“, die später als „Die Prinzen“ zu Popstars werden sollten: „Das hat man schon sehr genau registriert im Chor.“

Neugier und die Bereitschaft, die unterschiedlichsten Stilrichtungen zu einem eigenen Klang zu assimilieren, hat auch Amarcord geprägt. Neue Musik findet sich dabei ebenso auf den iPods der Mitglieder des Ensembles wie das neueste Album von Björk, dazu Opern im CD-Regal oder im Notenschrank Faksimiles von Renaissancemeistern (die im Repertoire des Thomanerchors eine untergeordnete Rolle spielten). Die Genres befruchten sich gegenseitig, erklären die Sänger: Von der Strenge einer Renaissancemesse könne man sehr wohl lernen, wenn es darum gehe, den exakten Beat eines Popstücks zu produzieren, weiß Daniel Knauft. Doch auch umgekehrt haben Amarcord bewiesen, dass sie, was sie auch tun, authentisch wirken: Ihre gefeierte Einspielung einer Messe des wenig bekannten Renaissancemeisters Pierre de la Rue brachte ihnen nicht nur die Aufmerksamkeit des Feuilletons, sondern auch die Einladungen zu mehreren Spezialisten-Festivals in den Niederlanden sowie, am 22. Juni, zu den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci. Wer dafür noch ein Ticket haben will, muss sich beeilen.

„The Book of Madrigals“ mit weltlicher Renaissancemusik ist gerade beim Amarcord-Stammlabel Raumklang erschienen.

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