Kultur : Jeden Tag baden

Anregend: Die musikalische Textperformance „Mapping Susan Sontag“ im Ballhaus Ost.

Kirsten Riesselmann

In diesem Jahr wäre Susan Sontag achtzig geworden. Nächstes Jahr wird sie zehn Jahre tot sein. Erst vor wenigen Wochen wurde der zweite Band ihrer Tagebücher auf Deutsch veröffentlicht – diese Tagebücher, die ein erstaunliches, intimes und manchmal sehr erschütterndes Schlaglicht auf diese öffentlich immer so souverän und glamourös aufgetretene US-Intellektuelle werfen. Es ist also ein guter Zeitpunkt, um es mit einem theatralen Biopic über Susan Sontag zu versuchen.

Die Regisseurin Heike Scharpff tut am Ballhaus Ost genau das – im Rahmen einer „Komposition“, die sich in schönem Förderantragsdeutsch „Mapping Susan Sontag“ nennt. Drei Performer, einer davon am effektgerätbestückten Schlagzeug, erkunden im Montieren von Textfragmenten, Hantieren mit wenigen schlichten Requisiten und vielfältigem Einsatz von Mikrofonen in einer guten Stunde den Menschen Sontag. Die Inszenierung hangelt sich an ihrem berühmtesten Essay „Notes On Camp“ entlang, streut Stellen aus anderen Essays und den Tagebüchern dazwischen und streift so viele Facetten dieser illustren Denkerin: Sontags Hang zur streng urteilenden Selbstbeobachtung und zum ständigen Listen-Führen, (Listen können wunderbar zwangsneurotisch deklamiert oder kalmierend rezitativ gesungen werden), ihr schwieriges Verhältnis zur Mutter und zum eigenen Körper, ihr zwanghafter Wille, intellektuell anerkannt zu sein, ihre merkwürdigen Selbstfindungsfantasien im Zusammenhang mit China.

Sicher: Dieses „Mapping“ mappt nicht umfassend, es unterschlägt viele von Sontags theoretischen Beschäftigungsfeldern sowie ihre Auseinandersetzung mit Krankheit. Aber in dichten 70 Minuten galoppieren die Performer durch eine nicht unbeträchtliche – hin und wieder allzu auswendig gelernt klingende – Textmenge, schabbert der Schlagwerker dezent bedeutungsvoll mit dem Jazzbesen über die Snare, entsteht eine Skizze einer gleichermaßen hochreflektierten wie -neurotischen Frau. Eines Menschen, dessen Lebensprojekt es ist, Susan Sontag zu sein und der unter der Unerbittlichkeit dieses Projekts leidet. Symptomatisch rollen schwarze Ballons mit glattgespannter Oberfläche über die Bühne, während die Performer die irren Selbstverordnungslisten deklamieren: „1. Mich nicht wiederholen. 2. Nicht versuchen, amüsant zu sein. 4. Meine Knöpfe annähen (+ selbst zugeknöpfter sein). 6. Jeden Tag baden und alle zehn Tage die Haare waschen. 7. Darüber nachdenken, warum ich im Kino an den Fingernägeln kaue.“

Als Scheren den Ballons zu Leibe rücken, quellen silbergoldene Rettungsdecken aus ihrem Inneren. Ein inszenatorischer Kommentar, der die Stoßrichtung dieser Exegese ins Bild setzt: Der strenge Kopfmensch, den Sontag nach außen hin gab, war im Grunde eine tragische Figur, die nie ganz begriffen hat, wie viel Camp in ihr selbst steckte, wie viel „Geist der Extravaganz, Kunst, die nicht ernst genommen werden kann, weil sie zu viel ist“. Man muss diese Deutung nicht gänzlich stimmig finden. Dennoch kann man sich von dieser kleinen, feinen Performance liebevoll zu weiterer Beschäftigung mit einem außergewöhnlichen Menschen eingeladen fühlen. Kirsten Riesselmann

Wieder heute, 14.12., 20 Uhr

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