Kultur : Jeden Tag ein Wolkenkratzer

FRANK PETER JÄGER

"Der Mondschein in der Nacht und das Gezwitscher der Nachtigall sind zu Fremderscheinungen in unseren Städten geworden", beklagt Wang Xiaodong, Leiter der Architektur-Fakultät in Xinjiang."Die Poesie ist aus ihnen gewichen." Daß die chinesischen Städte nicht nur Poesie, sondern auch menschliches Maß und historische Gestalt zu verlieren drohen, ist der Preis der sich seit Chinas Öffnung vollziehenden dramatischen Entwicklung.Allein in den vergangenen 16 Jahren hat sich die besiedelte Fläche des Landes so sehr ausgedehnt wie in den 5000 Jahren davor.Dieser gewaltige Urbanisierungsdruck macht es zur dringlichen Aufgabe, die Dynamik zu kanalisieren - so die wichtigste Botschaft des Symposiums "Die chinesische Stadt", das am Wochenende im Deutschen Architektur-Zentrum (DAZ) stattfand.Architekten und Stadtplaner aus China und deutsche Kollegen mit China-Erfahrung waren der Einladung der Veranstalter - unter anderen der Bund Deutscher Architekten (BDA) sowie die Heinrich-Böll-Stiftung - gefolgt.

Die Statements der chinesischen Gäste - viele von ihnen in Staatsdiensten - waren ausgesprochen offen.Fast schien es, als seien sie nach Berlin gekommen, um einmal richtig ihr Herz auszuschütten, so nachdenklich und selbstkritisch war der Tenor vieler Beiträge.Der Appell zu einem Wandel der Stadtentwicklungspolitik war unüberhörbar.Seit 1949 und noch bis in unsere Tage werde in China Stadtplanung nach sowjetischen Vorbild praktiziert, sagte Wang Xiaodong: "Aber dieses Denken ist zu formalistisch für unsere Zeit." Im Norden Chinas werde die Planung der Städte zudem seit Jahrhunderten vom konfuzianischem Denken mit seinem Ideal von Hierarchie, Ratio und strenger Nüchternheit bestimmt.Die dadurch eher unterentwickelte urbane Kultur der chinesischen Städte habe einen großen Nachholbedarf der Städte nach Plätzen für das soziale Leben der Stadt zur Folge.Zwischen Wolkenkratzern und aufgeständerten Autobahnen wurden Plätze für Passanten vielerorts schlichtweg vergessen."Heute aber brauchen unsere Städte wieder mehr Raum für Emotionalität, Sinnlichkeit und Romantik, für das Menschliche also", rief Wang emphatisch aus und erntete dafür spontanen Beifall.Auch die rigorose Abrißpolitik und die ungezügelte Zerstörung der Städte durch monströse Straßen wurden von den städtischen Planern als Irrweg erkannt.Von dieser Erkenntnis ist der Weg zum Wandel allerdings weit.Nur in kleinen Städten außerhalb der Boomtowns und Sonderwirtschaftszonen keimt langsam ein Bewußtsein auf für das soziale Moment von Planung und den Wert der überkommenen Stadt.

"Ich kenne Peking seit 20 Jahren.Mir kommen jedesmal die Tränen, wenn ich dort bin und sehe, wieviel von der alten Stadt aufs neue verloren gegangen ist" klagte Jochen Noth, Mitinitiator der Veranstaltung.In Shanghai vollzieht sich der Umbau der Stadt derart rasant, daß nur noch Taxifahrer sagen können, welcher Stadtbereich gerade passierbar ist - jeder hat eine Zeitung auf dem Beifahrersitz, die tagesaktuell über Abriß und Neubau in der Stadt informiert.

Bis zum Jahre 2010 plant China den Bau von 60 neuen Städten für jeweils 400 000 bis eine Million Einwohner.Dann wird fast die Hälfte der Chinesen in städtischen Ballungsräumen leben.Der Bau der Städte vollzieht sich vorwiegend in Mega-Dimensionen.Nicht Einzelgebäude oder Blocks, sondern ganze Stadtteile werden bei Architekten in Auftrag gegeben.So ist beispielsweise das vom Frankfurter Büro Albert Speer & Partner beplante Gebiet in Chongqing neun Quadratkilometer groß.Neben den Projekten in Chinas Metropolen nimmt sich das Geschehen am Potsdamer Platz wie ein Förmchenspiel im Sandkasten aus.Ein typisches Planungsmuster sind rechtwinklige, durch große Achsen gegliederte Bauanordnungen - den Quartiersrand markieren meist Reihen von Hochhaustürmen im Wechsel mit niedrigeren Scheiben; die Mitte eines solchen Quartiers ist vielfach als Parkachse gestaltet.Wolkenkratzer gelten als Symbol des Fortschritts.Mit frappierender Selbstverständlichkeit wächst in den chinesischen Wirtschaftszentren einer nach dem anderen in die Höhe.Ihre Gestaltung ist meist ausgesprochen ambitioniert.Einfallslose Keksdosen-Formen sind eher die Ausnahme.Vielfach bemühen sich die Architekten, tradierte regionale sowie symbolische Formen aufzugreifen.Bei den Zuhörern mischte sich da in die Skepsis über die Schattenseiten des Booms auch Faszination über die brachiale Vitalität, mit der sich der wirtschaftliche Aufbruch Bahn bricht.

Angesichts des geballten Einbruchs der internationalen Moderne in die Architektur Chinas wirken die Projekte der deutschen Architekten bisweilen chinesischer als die ihrer Kollegen aus dem Reich der Mitte.Die kleine Siedlung etwa, die die Berliner Projektgemeinschaft Meitzner, Funk und Kögel in der Provinz Shandong für Siemens-Mitarbeiter errichtete, greift die traditionelle Hofhaus-Architektur der Region auf.Alle vier Häuser werden von einem zentralen Hof her erschlossen.Seinen Mittelpunkt bildet ein kleines Wasserbecken mit einem Gingko-Baum.

So viel Einfühlung in die Bautradition geht nicht immer auf.Die Planer von Albert Speer & Partner dimensionierten die einzelnen Quartiere in ihrem Entwurf eines Stadtteils in Chongqing gemäß dem altchinesischen, 400 mal 400 Meter messenden "Li-Maß".Xu Anzhi, Leiter der Architekturfakultät in Shenzhen, beeindruckte das wenig: "Dieses Muster prägt traditionell nur die Städte im flachen Norden Chinas, im bergigen Süden - wo Chongqing liegt - war es niemals gebräuchlich."

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