Kultur : Jeden Tag Sommer

„Rot und Blau“: ein Kinomärchen von Rudolf Thome

Christina Tilmann

Rudolf Thomes Welt ist eine Märchenwelt. Sie besteht aus verfallenen Landhäusern, wo Frauen sich an uralte Bäume lehnen und bitten „Erzähl mir vom Leben“. Oder aus Dachgeschosswohnungen im Himmel über Berlin, wo der Vater mit dem Sohn Schach spielt und immer verliert. Ein Steg am See darf nicht fehlen, und schöne Frauen jeden Alters und beste Freundinnen, die nebeneinander im Ehebett schlafen, und am Morgen maulen: „Du riechst schlecht aus dem Mund.“ In Thomes Welt ist immer Sommer.

Bei Thome gibt es Traumaltbauwohnungen für 200 Euro, und Freunde, die den Betrag plus Kaution sofort cash auf den Tisch legen. Überhaupt: Man bezahlt bar, auch wenn es 49000 Euro für ein silbernes Cabrio sind, und Mädchen reisen mit einem Koffer voller Geld. Man schenkt sich Pfirsichbäume aus italienischen Gärten, die schon die Fahrt von Berlin in die Uckermark kaum überleben, oder Wunschteppiche oder auch einmal einen roten Ferrari, nur einfach so. Und Hannelore Elsner muss die Hälfte des Films mit einem Gipsfuß herumlaufen. Thome nennt es „die Strafe Gottes“.

In „Rot und Blau“, dem ersten einer Trilogie „Zeitreisen“, passiert, was nicht möglich ist: Da trifft ein Computervertreter ein türkisches Mädchen im Zug, und nachher stellt sich heraus, dass es seine Stieftochter ist. Und seine Ehefrau, die vor Frust und Einsamkeit längst den Rotwein aus der Flasche trinkt, begegnet ihrem Jugendfreund wieder und erblüht erneut. Und findet nach zwanzig Jahren ihre Tochter wieder, und die schon aufgegebene Familie wächst neu zusammen. Lauter höchst unwahrscheinliche Zufälle. Aber im Märchen ist das erlaubt.

„Ihr kennt euch?“ ist eine häufige Frage in „Rot und Blau“. In Thomes Welt kennen sich alle. Auch der Zuschauer kennt viele: Adriana Altaras zum Beispiel, die als italienisch-jüdisch-berlinische Busenfreundin schön exaltiert sich selber spielt. Oder Hanns Zischler, diesmal glatzköpfig, als zwielichtiger Detektiv, dessen Auftrag man nie erfährt. Andere sind neu: Die schmale Serpil Turhan, bekannt aus Thomas Arslans Filmen. Und Hannelore Elsner natürlich, die seit der „Unberührbaren“ und „Mein letzter Film“ immer reifer, schöner, aber – leider – auch launischer geworden ist. Für „Blau und Rot“ spielt sie ein verwöhntes Kind, rücksichtslos, kapriziös. Am Ende fordert sie, die eine verkappte Alkoholikerin spielen soll, ihren Ehemann auf, sich ihr zu Füßen zu legen und zu bekennen: „Ich werde nie wieder zu viel Alkohol trinken.“ Thome lässt es ihr durchgehen. Wir auch.

In Berlin in den Kinos Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei, Moviemento, Neue Kant Kinos

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