Kultur : Jeder Hügel ist historisch

Babylon soll Weltkulturerbe werden. Doch das wird Zerstörung und Raub im Irak nicht stoppen

Christina Tilmann

Die Erde sieht aus wie ein Schweizer Käse. Grabungslöcher, so weit man blickt, vier bis sechs Meter tief, durch ein System von Gängen verbunden. Nähern sich Archäologen oder Wachpersonal, verschwinden die Raubgräber in ihren Löchern. Landesweit, vor allem aber im kaum erschlossenen Süd-Irak, ist eine Plünderung gigantischen Ausmaßes im Gange. Orte wie die babylonische Stadt Isin, Grabungsstätte der Universität München, sind besonders stark betroffen. „Den Ort gibt es nicht mehr“, bilanziert Margarete van Ess, kommissarische Leiterin der seit 1980 von Berlin aus verwalteten Außenstelle des Deutschen Archäologischen Instituts in Bagdad. Das nunmehr 50-jährige Bestehen dieser Außenstelle nutzt sie dazu, öffentlich vor der Kulturzerstörung im Irak zu warnen.

Archäologen in aller Welt sehen hilflos zu. Rund vierzig Grabungsstellen im Irak, die von Raubgrabungen betroffen sind, sind derzeit namentlich bekannt, weitere hundert kann man noch nicht einmal auf der Landkarte verorten; man vergleicht Satellitenbilder mit Grabungsberichten und versucht mühsam eine Zuordnung. Und der Handel mit illegal ausgeführten Fundstücken blüht: Zwar steht auf die illegale Ausfuhr im Irak die Todesstrafe, doch in vielen Ländern, auch in Deutschland, ist die Einfuhr solcher Objekte durchaus legal. Ein Unesco-Abkommen von 1970, das den Import zumindest als national wertvoll erfasster Objekte verbietet, ist auch in Deutschland noch nicht ratifiziert. Die neue Regierung hat zumindest die baldige Ratifizierung versprochen. Denn nicht nur Irak, auch Länder wie Peru, Afghanistan, China oder Libanon sind von ähnlichen Plünderungen betroffen.

Im Irak ist es ein Thema jüngeren Datums. „Lange Zeit hatten wir im Irak kein besonderes Problem mit Raubgrabungen“, berichtet Margarete van Ess, die bis 2003 sechs Monate im Jahr vor Ort arbeitete. Doch das 2003 einsetzende Zerstörungswerk schreitet fort, solange die örtliche Bevölkerung aus Hungersnot in Raubgrabungen ihr Auskommen sucht. Die Sucht nach Goldfunden breitet sich aus wie ein Fieber, und doch ist es in den seltensten Fällen verkäufliches Material, das gefunden – und oft zerstört – wird: 200000 Scherben fördern die Archäologen in zweimonatiger Grabungszeit zutage, rechnet van Ess vor, dazu 100 bis 600 Objekte. 10 bis 50 Stück, also 0,5 Prozent des Fundes, sind von Museumswert, ein Fünftel davon ist auf dem Markt verkäuflich. Was bei der Plünderung jedoch unwiederbringlich zerstört wird, Fundzusammenhänge und Kontexte, ist historisch von unschätzbarem Wert. Gerade die letzten Spuren, die Aufschluss über den Untergang der Hochkulturen geben könnten, sind zuerst zerstört. Sie liegen direkt unter der Oberfläche.

Doch nicht nur die Raubgräber sind das Problem. Noch immer kämpft man im Irak damit, die Folgen der Plünderungen von 2003 sowie der militärischen Nutzung der Grabungsstätten zu erfassen. Das Nationalmuseum von Bagdad, im März 2003 Opfer einer spektakulären Plünderung, ist zwar wieder mit Computern und Mobiliar ausgestattet, bleibt jedoch geschlossen, die Archive vermauert. Bis die dortigen Mitarbeiter ihren Bestand katalogisiert und digitalisiert haben, wird man keine verlässlichen Zahlen über Verluste bekommen. In anderen Orten, etwa der Bibliothek von Basra, sieht man traurigerweise klarer: Sie wurde zu 100 Prozent zerstört.

Aktueller Hauptpunkt ist jedoch das legendäre Babylon. Bis Dezember 2004 waren hier amerikanische und polnische Streitkräfte stationiert. Sie installierten eine Militärbasis, legten Pisten durchs Gelände, fuhren mit Panzern über die Grabungsfelder, installierten Hubschrauberlandeplätze und Tankstellen, die den Boden mit Altöl kontaminieren, brachen Ziegelreliefs aus der Wand, um sie als Souvenir mitzunehmen. Nicht Unwillen, Unwissen sei das Hauptproblem gewesen, so Margarete van Ess: „Die Soldaten wussten nicht, dass jeder Dreckhügel eine archäologische Grabungsstätte ist.“ Die Rekonstruktionen der 70er Jahre haben die Soldaten hingegen verschont. Gerade sie werden nun aber zum nächsten Problem. Denn der Irak bemüht sich, unterstützt durch Archäologen aus aller Welt, um die Aufnahme Babylons in die Weltkulturerbe-Liste der Unesco. Diese jedoch verbietet Rekonstruktionen.

Auf einer Konferenz in Berlin will man in der nächsten Woche über das Vorgehen beraten. Immerhin ist in Babylon inzwischen genügend Wachpersonal vorhanden, um die Stätten zu schützen. Doch ob das wirklich reicht? Den Buddha-Skulpturen von Bamiyan hat ihr Welterbestatus auch nichts genützt.

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