Kultur : Jeder kann es schaffen

Jörg Königsdorf

Jeder, der irgendwann angefangen hat, Klavier zu spielen, hegt vermutlich im geheimsten Winkel seines Herzens diesen Traum: Einmal mit großem Orchester aufzutreten, die Anfangsakkorde des Grieg-Konzerts in eine vollbesetzte Philharmonie donnern zu dürfen, sich zum zartfühlenden Heroismus von Beethovens c-moll-Konzert aufzuschwingen und tausend Menschen in emotionale Trance zu versetzen, wie einst Liszt, Rubinstein und all die anderen Tasten-Könige. Für sechs begeisterte Klavier-Amateure wird dieser Traum am Samstag Wirklichkeit: Für diejenigen, die es bis in die dritte Runde des ersten Internationalen Wettbewerbs für Amateure geschafft haben. Von Dienstagmorgen an steigen im Hermann-Wolff-Saal der Philharmonie 60 Freizeitpianisten im Alter von 36 bis 83 in den Ring und treten mit Haydn, Mozart und Beethoven gegeneinander an. 18 von ihnen werden noch am Donnerstag im Halbfinale dabei sein, das beste oder vielmehr nervenstärkste Halbdutzend präsentiert sich dann im Finale am Freitag (solistisch mit Stücken eigener Wahl) und Samstag (mit dem Sinfonie-Orchester Schöneberg unter Michael Sanderling). Initiator des Wettbewerbs ist Eberhard Zagrosek, Bruder von Konzerthaus-Chefdirigent Lothar Zagrosek und selbst begeisterter Amateurpianist, der diese Idee aus den USA mitbrachte, wo das puritanische Motto „Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst“ tiefer in den Herzen verankert ist als im zweifel- ergebenen Europa: In Amerika begann der fabelhafte Pianist Jon Nakamatsu seine Pianistenlaufbahn auf diese Weise, als er noch hauptberuflich sein Geld als Deutschlehrer an einem College verdiente. Man bekommt vielleicht Originalität zu hören, die nicht durch die Mühlen des pianistischen Alltagsgeschäfts zerrieben worden ist.

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