Kultur : Jeder Tag zählt

Hartz setzt der Kulturszene hart zu

Maxi Leinkauf/Kirsten Wächter

Welche Konsequenzen haben die sogenannten Hartz-Reformen auf die Kulturszene? Manchen der etwa 60000 projektbezogen arbeitenden Filmschaffenden in Deutschland könnte es an die Existenz gehen. Ein Aufnahmeleiter beispielsweise, Vater von zwei Kindern, verliert den Anspruch auf Arbeitslosengeld, wenn er nicht 360 sozialversicherungspflichtige Erwerbstage vorweisen kann. Sie zu sammeln, dafür hatte er bislang drei Jahre Zeit– nun sind es nur noch zwei. Eine Filmproduktion indes dauert im Schnitt sechs Wochen.

„Gut im Geschäft ist jemand mit vier bis sechs Produktionen jährlich.“, sagt Ulrich Ardomat von der Berliner Fernseh- und Filmproduktionsfirma Cinecentrum. Schauspieler werden oft nur tageweise engagiert, andere Mitarbeiter für die Zeit des Drehs. Nahtlose Übergänge von einem zum nächsten Engagement sind selten. Das heißt für den Aufnahmeleiter: keine Chance, das Pensum von 360 Tagen zu erfüllen. Er wäre also jetzt ein Fall für Hartz IV und hätte Anspruch auf das Arbeitslosengeld 2, knapp über der Sozialhilfe. Vorausgesetzt, er besitzt kein Vermögen. Hat er zum Beispiel einen Bausparvertrag, müsste er den entweder lösen oder einen anderen Beruf ergreifen, mit dem er seine Familie ernähren kann. „Für die, die nicht im Sonnenlicht stehen, wird es jetzt eng“ sagt Eberhard Junkersdorf, Vorstandssprecher der AG Spielfilm. Kaum jemand kann von der Gage für einen Langfilm das ganze Jahr leben.

Die schwierigen Bedingungen der Branche kennen auch ausländische Kollegen. Die „Intermittents du Spectacle“, wie die etwa 115000 freien Kulturschaffenden in Frankreich genannt werden, sind saisonal beschäftigt. Letztes Jahr ließen sie aus Protest gegen die Beschränkung ihrer Sozial-und Arbeitslosenversicherung sämtliche Sommerfestivals in Frankreich platzen, auch das renommierte Festival von Avignon. Und die Probleme sind längst nicht gelöst.

Die Filmgeschäftsführerin Karin Fiedler verweist auf die Besonderheiten ihrer Branche: Die Arbeit ist auf wenige Tage verteilt, die aber erfordern weitaus längere Arbeitszeiten. „Die Verträge basieren notwendigerweise auf einer 50-Stunden-Woche“. Was über den üblichen 38 Stunden liegt, wird nicht als Mehrarbeit angerechnet. „Wir wollen deswegen Arbeitszeitkonten einführen, auf denen die Überstunden vermerkt werden“, sagt Olaf Hofmann, verantwortlich für die Filmbranche bei der Gewerkschaft Verdi. Für die betroffenen Filmschaffenden würde das bedeuten: 40 Stunden Mehrarbeit ergeben fünf volle Arbeitstage. Aber gerade bei den Filmproduktionsfirmen stößt Verdi auf Widerstand. „Schon jetzt werden Urlaubstage nicht in die Dauer des Engagements eingerechnet – die Produktionsfirmen wollen die Sozialabgaben sparen“, sagt Ulrich Ardomat. PlanB im Falle des Scheiterns: Den Acht-Stunden-Tag in der Filmbranche einführen. Hofmann ist optimistisch: „Ich bin überzeugt, das uns das Gros der Firmen folgen wird, weil sie ihre Filmschaffenden erhalten wollen“, sagt er. Die wanderten sonst aus, ihren Lebensunterhalt woanders verdienen. Das sei kontraproduktiv.

Theaterleute und Orchestermusiker sind von den neuen Regelungen weniger betroffen, sagt Rolf Bolwin, Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins. Gleiches gilt auch für die Architektenbranche, wie Thomas Welter, Wirtschaftsreferent bei der Bundesarchitektenkammer, bestätigt. Hartz spaltet.

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