Kultur : Jedermann ist Biedermann

Christoph Funke

Wer kann schon sicher sein, dass er wirklich der ist, der er ist? Eric, ein junger arbeitsloser Mann mit geräumiger Wohnung, Held der Farce "Cash" von Michael Cooney, spielt mit dieser Ungewissheit auf eine teuflisch intelligente Art. Er baut, unterstützt von seinem schnell zum Komplizen gewordenen Untermieter Norman, mit atemberaubendem Geschick Menschen um. In seinen eigenen vier Wänden macht er sich zum Gott, teilt Bekannten und Fremden, Männern und Frauen Geschlecht, Alter, Krankheit und Tod nach Gutdünken zu. In einem wilden, regellosen Spiel zur Deckung eines mächtigen Betrugs jongliert der vom Sozialamt Lebende mit Lebensläufen und Charakteren, raubt Vertrauten und Fremden die Identität, erfindet sie neu, stellt verrückte Beziehungen her - so lange, bis alle Gewissheiten zerstampft sind. Eric weiß: Nur das aberwitzig Phantastische hat Aussicht darauf, geglaubt zu werden. So entfacht er einen Wirbel tolldreister lügnerischer Erfindungen zur Sicherung seiner Geldquellen und steuert dennoch immer schneller der Katastrophe der Wahrheitsfindung zu. Die Strafe, die Belohnung ist: Er darf für die Behörde arbeiten, die er jahrelang mit funkelndem Witz aufs Ungeheuerlichste betrog.

"Cash" ist eine Farce aus der Familie der Schneeball-Dramaturgie - was harmlos und bescheiden beginnt, wächst sich unaufhaltsam zu nicht mehr beherrschbarer Dynamik aus. Immer neue Leute kommen zur Unzeit in Erics Behausung - und können nicht wieder gehen. Sie prallen vor und hinter knallenden Türen aufeinander, suchen, jagen, verstecken sich, finden keinen Weg durch das Labyrinth der ihnen und den anderen aufgeklebten falschen Namen. Michael Cooney schrieb "Cash on Delivery" 1993 mit gelenkigem Witz, virtuos und wirkungssicher. Manchmal scheint es, als nehme selbst ihm der Einfallsreichtum seines Helden die Luft - dann ist das Durcheinander kaum noch überschaubar.

Bei diesem Text muss Theater zeigen, ob es noch Spaß, nichts als Spaß machen kann. Bernd Mottl, Regisseur der Aufführung im Studio des Maxim Gorki Theaters, und sein zehnköpfiges Ensemble können es. Sie versinken nicht in psychischen Untiefen, sie freuen sich am Leichten, verlassen sich auf das Offensichtliche. Schon das Bühnenbild von Hansjörg Hartung, ein sich nach hinten in staunenswerte Weiten verlierender Korridor, ist sauber, gepflegt, zeugt von bürgerlichem Komfort. Erics Versuch, das Gesicht zu wahren, passt in diese Umgebung.

Die Spieler behalten in der Orgie der geborgten Identitäten durchaus Erdenschwere. Die Anstrengung, sich durchzubringen, soll spürbar bleiben. Aber sie finden sich dabei zu einer verschworenen Gruppe, die aus Schreck und Zorn die Lust produziert, Alltägliches kaputt zu machen. Herrlich begriffsstutzig, unangreifbar bieder spielt Hilmar Baumann den zur Leiche vom Dienst beförderten Onkel George, tumb, bodenständig und blitzgescheit in einem. Ulrich Anschütz (Eric) und Thomas Bischofberger (Norman) zeigen ein Gaunerpärchen, das bis zur Erschöpfung arbeitet, sich ergänzt im Miteinander und Gegeneinander. Ist der eine atemlos und am Ende, springt der andere ein, mit Erfindungswut, Grimm und Frechheit. Norman Schenk zeigt die Verwandlung des biederen Beamten George in einen verspotteten Tunichtgut mit gemessener Würde - der allmähliche Realitätsverlust ist mit gescheitem Spaß gesteuert. Als Eheberater Chapman steht ihm Fabian Krüger nicht nach - die studierte Güte des empfindsamen, von zartester und falscher Rücksicht versteiften Psychiaters ist sehenswert. Und so wären auch Jacqueline Macaulay, Ursula Werner, Monika Hetterle, Anya Fischer und Eckhart Strehle zu loben - sie alle geben der Farce, was sie braucht, zaubern einen solide gearbeiteten Theaterabend, der einen Hauch Biederkeit nicht scheut.

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