"Jedermann" vorm Erfurter Dom : Den Gott zum Gärtner machen

Das wäre ein Salzburg unvorstellbar: Peter Lund inszeniert „Jedermann“ als Rockoper bei den Domstufenfestspielen in Erfurt.

von
Fluchtweg abgeschnitten. Jedermann (Andreas Lichtenberger) sieht sich vorm Erfurter Dom allegorisch umzingelt.
Fluchtweg abgeschnitten. Jedermann (Andreas Lichtenberger) sieht sich vorm Erfurter Dom allegorisch umzingelt.Foto: Lutz Edelhoff

Nicht immer endet alles mit dem Tod. Manchmal beginnt es auch mit ihm. In Erfurt hat das Philharmonische Orchester kaum die ersten Takte gespielt, als sich Brigitte Oelke als Tod mit schwarzem Mantel aus einer Tür hoch über den Domstufen schiebt, an der Brust ein beachtlicher Fruchtbarkeitsbusen, der Hinterkopf furchterregend in die Länge gestreckt, als wolle Kostümbildnerin Ulrike Reinhard das Alien von HR Giger und die Nofretete zugleich zitieren.

Moment mal – der Tod? Lässt Hugo von Hofmannsthal den „Jedermann“, sein bekanntestes Stück, nicht mit Gott beginnen, einem Gott, der langsam in die Irrelevanz abrutscht („So han sie rein vergessen den Bund/den ich mit ihnen aufgericht hab/da ich am Holz mein Blut hingab“)? Ja, aber das war natürlich auch schon eine Bearbeitung. „Original“ ist bei diesem Stück kaum etwas. Anonym entstanden im Umfeld der altenglischen „Morality Plays“, ist der „Everyman“ in der Renaissance vielfach um- und neu geschrieben worden, auch von Hans Sachs, bei dem sich dann wiederum Hofmannsthal freizügig bedient hat. Wenn Peter Lund und Komponist Wolfgang Böhmer jetzt bei den Erfurter Domstufenfestspielen den „Jedermann“ mit neuem Text als Rockoper präsentieren, schreiben sie im Grunde die Tradition fort.

Der Tod wird hier zum großen Spielmacher. Zu demjenigen, der alles bewegt, oder, wie Jedermanns Mutter sagt: „Der Tod ist mir ein liebes Ding, weil er uns so zum Leben zwingt.“ Gott (Robert Wörle), Teufel (Martin Schäffner), Mammon und all die anderen Allegorien sind da nur Statisten, die traulich beieinandersitzen, um zu erörtern, warum niemand mehr an sie glaubt. In einem knappen, klugen Text erläutert UdK-Professor Lund, dessen Arbeiten in Berlin mit schöner Regelmäßigkeit zu den Höhepunkten an der Neuköllner Oper gehören, warum er „Jedermann“ aufpoliert hat. Das Stück mit dem seit 1920 die Salzburger Festspiele eröffnet werden, hat nicht unbedingt dazu beigetragen, Hofmannsthals Ansehen unter Künstlern und Intellektuellen zu befördern. Die katholische Buß- und Erlösungsnebelwerferei sperrt sich seltsam unzeitgemäß und humorfrei (anders als der „Rosenkavalier“, den Hofmannsthal zeitgleich schrieb) gegen das brodelnd-kreative Umfeld der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Gott ist eine Erfindung der Menschen

Lund treibt dem „Jedermann“ jetzt alle katholischen Erlöserfantasien aus. Der Einzige, der wirklich real, faktisch und nachweisbar ist, ist der Tod. Gott hingegen: eine Erfindung der Menschen, seine Macht besteht darin, dass niemand weiß, dass er gegen den Tod machtlos ist. In Erfurt mutiert er zum greisen Gärtner, der mithilfe eines Heiligenscheins seine Identität zu erkennen gibt – wenn seine Hutkrempe golden aufleuchtet. Auch der zweite Gott, den sich die Menschheit geschaffen hat, der Mammon (als Tunte eher eine Enttäuschung: Máté Sólyom-Nagy): nichts als ein gigantisches Missverständnis. Aufgewertet wird in Erfurt hingegen eine andere Figur: die von Hofmannsthal abschätzig „Buhlschaft“ genannte Frau, Jedermanns Liebste. Sie verkörpert die Aufklärung, glaubt weder an Gott noch ans Geld.

Nadja Mchantaf vom Ensemble der Semperoper singt diese „Liebste“ nicht nur betörend rau, sie spielt sie auch – für eine Opernsängerin nicht selbstverständlich – genauso leidenschaftlich, mit Glut im Herzen, als selbstbewusst Entrüstete, die Jedermanns Heiratsantrag kontert: „Grad war ich noch ein Sünder, jetzt schon die Mutter deiner Kinder!“ Musicalsänger Andreas Lichtenberger ist ein angemessen selbstverliebter Jedermann, dem es völlig logisch erscheint, dass sich im Leben alles zu seinen Gunsten gefügt hat – der aber etwas rasch zum reuigen Büßer umschlägt. Da hat Lund sehr gerafft auf Kosten der Dramaturgie. Der Tod, inzwischen eine peitschenknallende Domina, gewährt die eine Extrastunde hier sofort. Bei Hofmannsthal ist sie beinhart verhandelt.

„Rockoper“ ist ein großes Wort. Ja, da sind die Strukturen einer Oper, Arien für jede Figur, Terzette, ein Quartett. Aber letztlich gefüllt mit musicalgemäß eingängigen Melodien, geprägt von einem dominanten Thema aus zwei Achteln und einer Viertel auf „Je-der-mann“. Wolfgang Böhmer nimmt Anleihen bei Weill oder Schostakowitsch, die ja selbst dem Unterhaltungsgenre nicht abgeneigt waren. Das Orchester (Leitung: Jürgen Grimm) spielt im Zelt, die Band Lidenbrock darf mit braver Rockmusik würzen, lotet die Affinität von Rock – zumal in seiner Metal-Variante – zum Thema Tod aber kaum tiefer aus. Da wäre mehr drin gewesen.

„Grad war ich noch ein Sünder, jetzt schon die Mutter deiner Kinder!"

Auffällig, dass Lidenbrock vor allem die Auftritte der Frauenfiguren breit untermalen, so den von Jedermanns Mutter (Katja Bildt), die von der Predigerin gottgläubigen Lebens in Sekundenschnelle zur tanzenden Nina Hagen morphiert. Überlebensgroße Puppen, ein von silbernen Skeletten verziertes Gefährt für die Buhlschaft, ein riesiger Müllberg, auf dem das von Jedermann nicht verwertete Gemüse landet: Lund, der selbst inszeniert, versteht es durchaus, den barock- üppigen Charakter des Stücks auf die Domstufen zu zaubern, auch wenn er sich mit tanzenden Nonnen („Sister Act“) und fackeltragenden Murmelmönchen („Der Name der Rose“) allzu offensichtlich bei ausgelutschten Filmvorlagen bedient.

Gütig blickt die gut ausgeleuchtete Kathedrale auf das Spektakel zu ihren Füßen. Erfurt, das sind ja auch: wuselige Straßen selbst abends (Dessau oder Cottbus wären neidisch), chillende Menschen an der Gera, die an den Hängen des Thüringer Waldes entspringt und kurioserweise nicht durch die Stadt selben Namens fließt, eine in Ostdeutschland seltene, mediterrane Gelassenheit und Neigung, das Leben draußen zu leben. Dass die Krämerbrücke die einzige vollständig bebaute Brücke nördlich der Alpen ist, passt hervorragend ins Bild: Florenz lässt grüßen. Wo kommt das her? Hat es doch mit der Religion zu tun? Erfurts Bistum war eine katholische Insel in der DDR. Wenn jetzt auf den Domstufen Gott eine Erfindung genannt wird und der Teufel ans Kreuz steigt, dann geht das wohl nur in dieser spezifischen Atmosphäre eines ostdeutschen Katholizismus. In Salzburg wäre das unvorstellbar.

Vorstellungen bis 27. Juli, Infos: www.domstufen.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben