Kultur : Jedermantra

Jürgen Flimms letzte Salzburger Saison

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„Das große Welttheater“ – ein Titel ganz nach dem Geschmack von Jürgen Flimm: Mit einer Rückblicks-Ausstellung feiern die Salzburger Festspiele das 90. Jubiläum ihrer Gründung. Waren sie nicht alle hier, die Guten, Wahren, Schönen, seit Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt das Städtchen an der Salzach mit der Idee eines Kultursommers beschenkt haben? Vor genau einem halben Jahrhundert startete die Ära Karajan, die 33 Jahre währte, zehn Jahre lang arbeitete sich Gerard Mortier dann an einer Reform der Festspiele ab, fünf Jahre wirkte sein Nachfolger Peter Ruzicka, und heuer nun wird Jürgen Flimm den Gastgeber spielen, von 25. Juli bis 30 August.

Es ist sein viertes und letztes Mal. Dauerfröhlicher Rheinländer, der er ist, wird der 69-Jährige bei allen offiziellen Terminen mühelos für gute Stimmung sorgen – doch mit dem Herzen ist er längst in Berlin. So sehr hat Flimm sich über die dauernden Dreinredereien des Festspielkuratoriums geärgert, dass er den Anruf aus der deutschen Hauptstadt geradezu als Befreiung empfand: Natürlich würde er gerne ab Herbst 2010 die Intendanz der Lindenoper übernehmen! Hurra!

Dennoch sind die Vorwürfe unberechtigt, die sein Vorvorgänger jetzt gegen ihn erhebt: Flimm, so Gerard Mortier, habe seine Aufgabe nicht ernst genommen, ja „die Salzburger Festspiele total vernachlässigt“. Einspruch, Monsieur: Gerade das Musikprogramm 2010 präsentiert sich alles andere als kommerzorientiert: eine Uraufführung („Dionysos“ von Wolfgang Rihm), ein Schlüsselwerk der Moderne (Alban Bergs „Lulu“), frühklassizistisches Randrepertoire (Glucks „Orfeo“), die stacheligste Oper des Hausheiligen Richard Strauss („Elektra“). Einziges Zuckerl: Anna Netrebko in der Wiederaufnahme von Gounods „Roméo et Juliette“.

Im Schauspiel kommt ein runderneuerter „Jedermann“, inszeniert vom Oberammergau- erprobten Christian Stückl, ohne Dauer- Hauptdarsteller Peter Simonischek, dafür mit Nicholas Ofczarek (und Birgit Minichmayr als Buhlschaft). Peter Stein zelebriert „Ödipus auf Kolonos“, selbstverständlich mit Brandauer, Jossi Wieler bringt die Stefan- Zweig-Novelle „Angst“ auf die Bühne.

Dass beim Salzburger Erzbischof das Festivalmotto „Wo Gott und Menschen zusammenstoßen, entsteht Tragödie“ unfehlbar Entsetzen auslöste, obwohl es gar nicht christlich, sondern klassisch-mythologisch gemeint ist, dürfte den Intendanten-Piefke teuflisch gefreut haben.

Für die Festansprache beim offiziellen Eröffnungsakt am Montag sowie fürs erste Konzert mit den Wiener Philharmonikern wurde übrigens – welch ein Zufall! – Daniel Barenboim verpflichtet, Jürgen Flimms künftiger Partner an der Berliner Staatsoper. Frederik Hanssen

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