Kultur : Jedes Bild muss einen Rahmen haben

Moritz Schuller

Zweimal in seinem Leben hat Johannes Grützke Berlin verlassen. Die erste Exkursion führte 1964 in den Westen und war von kurzer Dauer: "Ich hatte geheiratet und das war mir so peinlich, dass wir nach Bad Godeberg gezogen sind. Ein dreiviertel Jahr war ich dort, habe die Geburt meines Sohnes abgewartet, dann bin ich wieder hergekommen." Später, als ihn Peter Zadek als Bühnenbildner ans Hamburger Schauspielhaus lockte, wollte er sogar mit dem Kultursenator Hassemer Bleibeverhandlungen führen. Als Hassemer von dem Hamburg-Plan erfuhr, rief er nur: Der kommt wieder. Und so war es.

Wo sonst sollte man sich Grützke auch vorstellen. Sogar seine Urgroßeltern sind Berliner, der Großvater war Prokurist bei Ravené Stahl, sein Vater führte in der Moabiter Quitzowstraße einen Baustoffgroßhandel. Er selbst wurde in Karlshorst geboren. Berliner Adel ist sesshaft: Auf dem Hof seines Vaters hatte Grützke sein erstes Atelier, danach ist er nur noch einmal in Berlin umgezogen, 1968 von Moabit nach Wilmersdorf, das heißt jetzt zwar Charlottenburg-Wilmersdorf, doch Grützke bewohnt noch immer dieselbe Wohnung.

"Die Westdeutschen denken ja, ich sei Ostberliner. Weil ich so mal wie ich male, das sähe ostberlinerisch aus, ostzonenhaft." In einem dänischen Schulbuch ist sein Bild von Walter Ulbricht abgebildet und daneben steht: Grützke, ostdeutscher Maler. Ihn berührt das nicht, zu lange hängt ihm schon der Mühlstein Realismus um den Hals. Seine Schuld ist das nicht: Von den "Kritischen Realisten" um Peter Sorge grenzte er sich sogar offiziell ab und rief mit Matthias Koeppel und Manfred Bluth die "Schule der neuen Prächtigkeit" ins Leben. Der Unterschied: "Wir haben ein rahmbares Bild gemalt." Und auch später hat er immer wieder versucht, dem Label "Berliner Realist" zu entkommen. Ohne großen Erfolg. "Als Berliner konnte ich mich schlecht verleugnen, als Realisten auch nicht, aber ich wollte nicht Teil dieser Clique sein."

Durch die großen Nordfenster fällt ein wolkenverhangener Tag in Grützkes Wilmersdorfer Wohn-Atelier. Kein großer Raum, unter der Decke ein Hochbett und über der Tür ein ausgestopfter Pavian mit rotem Po, den er malte, bis seine französische Freundin, die er "mein Mädchen" nennt, eifersüchtig wurde. Johannes Grützke ist hager, unverändert, und auch der Kopf mit den kurzen schwarzen Haare und der Brille ist nicht nur Teil der Kunstgeschichte, so oft wie er ihn gemalt hat, sondern auch persönliches Markenzeichen. Wie ein drahtiger Krankenpfleger, ganz in weiß, serviert er türkischen Kaffee direkt aus dem hellblauen Kochtopf. Mit einer Schöpfkelle. Später, sagt er, können wir auch einen Roten aufmachen.

Ein politischer Einsiedler

Grützke, der Anatom des Öl-Fleisches, der als Berliner Bacon die Körper der Männer malt, ist zu seinem Sujet zurückgekehrt. Zuletzt hatte er seine Kampfzone ausgeweitet, ein 32 Meter langes Rundbild für die Rotunde in der Paulskirche gemalt und in Konstanz ein dreiteiliges Relief, das an Friedrich Hecker und 1848 erinnern soll. Zweimal Revolution. Doch anders als Koeppel hat sich Grützke nie für das politische Tagesgeschäft interessiert. Die Berliner Wahl hat er ignoriert. "Ich möchte denen, die da gewählt werden, nicht die Genugtuung verschaffen, von mir gewählt worden zu sein." Im letzten Jahr verkündete er in sieben Pamphleten die Abschaffung des Begriffs "Kunst", seine neuesten Ölbilder zeigen nackte Männer und rote Pavian-Hintern. Grützke glossiert ein Menschenbild - schrieb eine Kritikerin schon vor vielen Jahren - in Posen.

Die Devise aus Ostberlin hieß, dass der Künstler parteiisch sein muss. "Aber Rembrandt hat mitten im 30-jährigen Krieg gearbeitet und wo taucht dieser Krieg auf? Gar nicht!" Während des Vietnamkriegs malt Grützke "Der Junge ist wieder daheim", die Abbildung von authentischer, naiver Freude. Heute empört er sich über das Mahnmal, das Jüdische Museum, die Ablehnung des Figurativen, liest Ernst Noltes Bürgerkriegsklassiker und unterstützt den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Er gefällt sich in der Rolle des Antizyklikers. "Bin ich rechtsumstellt, werde ich linksextrem, bin ich linksumstellt, dann, naja." Mehrfach schon hat er Walser porträtiert, man mag sich. "Wenn einer eine Empfindung äußert wie Walser, dann stehen sie alle auf wie ein Mann. Na gut, ich bin ja nicht Walser, gottlob." Es ist ein polemisches Ballett, das Grützke tanzt, zwei Schritt vor und dann einen wieder zurück. In die sichere Distanz. "Die Spießer stehen rechts und links." Grützke möchte keiner Mehrheit angehören, und das ist ein anstrengendes und einsames Unterfangen.

Johannes Grützke gibt den Spitzbuben mit Kränkungspotential und ist so ein Außenseiter geblieben. In der Kunstszene ohnehin erfolgreich, jedenfalls "macht er sich keine Sorgen", aber auch voller Ambivalenz: Noch mit 64 Jahren analysiert er fremden Erfolg, die Selbstdarstellung der anderen. "Baselitz kann sich nicht richtig ausdrücken", während "Kollege Lüpertz unerhört brillant und durchdrungen von der Sache redet". Picasso sei natürlich der beste Vermarkter gewesen. Und er? "Warum bin ich nicht so bekannt wie Picasso? Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich nicht frech genug." Sein Plan: 104 Jahre zu werden, um Tizian in den Schatten zu stellen.

Johannes Grützke hat den Rotwein aufgemacht. Im Herzen von West-Berlin ist es ruhig geworden, so ruhig, meint er, wie es damals nie war. Er wollte einst dafür subventioniert werden, dass er mit dem Auto ein wenig durch die Stadt fährt. Dennoch: So trostlos wie jetzt hat er West-Berlin nie gefunden. "Wenn ich früher in Basel auf einer Party war, haben die Leute immer Mitleid geäußert: In einer geteilten Stadt zu leben, das muss ja furchtbar eng sein. So denkt natürlich der Basler. Ich habe mich in West-Berlin nie eingeengt gefühlt." Nur: Das Geschäft fand in der Westzone statt, in Köln. Berliner Kollegen wie Koberling und Lüpertz gingen damals nach Köln, an den Rhein, Grützke auch, aber kehrte gleich wieder um. Erst mit den Neuen Wilden änderte sich etwas, die Sammler reisten an und überboten sich. Davon profitierte dann auch Grützke. Dass Richard von Weizsäcker, und da war er schon Bundespräsident, für ein Porträt nach Wilmersdorf kam und bei ihm unterm Pavianhintern saß, erwähnt er nicht ohne Stolz.

Wie er heute jemandem West-Berlin erklären würde? "Das könnte ich nicht." Später fällt ihm doch etwas ein: "Diese Gemütlichkeit hatte viel mit Instituten zu tun. Das Aspen-Institut auf Schwanwerder zum Beispiel, wo ich Sheppard Stone porträtiert habe, da wurden Leute eingeladen, nur um sich zu unterhalten." Vielleicht ist Grützke deshalb in Berlin geblieben. Als Jugendlicher ist er aus Moabit nach Mitte zur Nationalgalerie geradelt, am Brandenburger Tor hat er seinen Ausweis vorgezeigt. Heute radelt er in Wilmersdorf die Bundesallee hinunter. "Über Berlin", sagt Grützke während der zweiten Flasche Rotwein, "lässt sich doch nicht viel sagen."

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