Kultur : Jedes Duett ein Duell

Sie hat jüdisch-russische Wurzeln, tanzt den Tango ganz anders und gastiert nun in Berlin: die argentinische Choreografin Ana Maria Stekelman mit ihrer Gruppe Tangokinesis

Sandra Luzina

„Der Tango ist mein Schicksal. Nicht ich habe den Tango gewählt – er hat mich gewählt!“ Wenn Ana Maria Stekelman erzählt, glaubt man einer alten Melodie zu lauschen. Die 1944 geborene Tochter jüdisch-russischer Einwanderer wuchs in Buenos Aires mit den sehnsuchtsvollen Tangos und Milongas auf, die den ganzen Tag im Radio liefen.

Und natürlich ist es eine Liebesgeschichte, die sie erzählt. Die in Ballett und Modern Dance ausgebildete Stekelman kam erst auf Umwegen zum Tango. Dass es sich um eine glückliche Liaison handelt, davon kann sich das Berliner Publikum jetzt überzeugen. Tangokinesis zeigt „Tango, Vals, Tango“ als Open-Air-Vorstellung am Marlene-Dietrich-Platz. Musikalisch schägt sie den Bogen von historischen Tangos aus den 40ern bis zum Tango nuevo von Astor Piazzolla. Zehn Bandeonisten feuern die Tänzer an und stimmen ein unwiderstehliches Klagen, Seufzen und Schmachten an.

1963 in New York sah Stekelman zum ersten Mal Tangoschritte auf der Bühne – und fing sofort Feuer. An ihrer späten Initiation findet sie nichts Ungewöhnliches. „Das ist ja das Schicksal des argentinischen Tangos: Im Ausland ist er erfolgreicher als zu Hause.“ Mittlerweile eilt Stekelman der Ruf voraus, den Tango neu erfunden zu haben. Mit ihrer 1992 gegründeten Gruppe Tangokinesis feiert sie Erfolge in den USA und in Europa. Durch die zahlreichen Gastspiele kann sie ihr Ensemble über Wasser halten.

Wir treffen Ana Maria Stekelman während der Italien-Tournee von Tangokinesis auf einen latte macciato in der Pasticceria von Terni. Auffallend: die funkelnde Ironie, der verwegene Witz. Eine Frage drängt sich auf: Ist im Tango Humor erlaubt? Nachsichtiges Lächeln: „Der Milonga ist voll von Humor“. Sich selber attestiert sie einen „Mix aus jüdischem und argentinischem Humor“. Ein Gegengift zur Melancholie, an der die Argentinier so hängen und von der auch der Tango durchtränkt ist. Salsa oder Mambo könne man am Tag tanzen, sagt die Argentinierin: „Aber Tango ist schwarz. Tango ist die Nacht.“

Und sie erzählt. Von den Männern, die den Tango zuerst in den Straßen tanzten und dann in die Bordelle gingen, um ihn den Huren beizubringen. „Ich mag es, wenn Männer miteinander tanzen – das hat Tradition im Tango.“ Deshalb vor allem schätzt sie den Tango, weil er so radikal ist in seinem Geschlechterkonzept. „Mit einem Mann Tango zu tanzen, ist hypnotisch! Er führt, und du folgst“, erläutert sie, „es kommt nicht drauf an, ob du den Mann magst – er muss nur gut tanzen können.“ Tango könne süchtig machen, Leidenschaften hervorrufen, schmutzige Leidenschaften, lacht Stekelman. Allerdings brauche es für einen guten Tango mehr. „Formal ist Tango vergleichbar mit Schach. Ein sehr intelligenter Tanz.“

Choreografisch hat Stekelman zusammengeführt, was nicht zusammenpasst. Ihre Recherche begann damit, dass sie einen männlichen Tango-Tänzer mit einer Balletttänzerin konfrontierte. Daraus entwickelte sie die spannungsvolle Synthese, für die Tangokinesis inzwischen berühmt ist. Ein Tanz, so rasant wie elegant, temporeich, athletisch, humorvoll und verführerisch. Kleine Geschichten von Verführung, Hingabe, Kampf, Trennung und Einsamkeit. Jedes Duett wird zum Duell. Der Kampf – die Essenz des Tangos?

„Tango ist Kampf und Harmonie, die Harmonie im Kampf“, erklärt die Choreografin. Schon Borges, neben Nabokov ihr Lieblingsautor, hat in diese Kerbe gehauen. Mit dem Berliner Gastspiel schließt sich ein Kreis. Stekelmans wichtigste Lehrerin war Renate Schottelius, eine Schülerin Mary Wigmans. Mitte der 30er Jahre emigirierte die jüdische Tänzerin von Berlin nach Buenos Aires, wo sie am Teatro San Martin unterrichtete. Schottelius ist eine Choreografie des Abends gewidmet. Tango, wie ihn Ana Maria Stekelman versteht, erschöpft sich nicht in Liebesnostalgie – er knüpft enge Bande zwischen Menschen und Generationen.

Tangokinesis: „Tango, Vals, Tango“, am 5. und 6. September, 20.30 Uhr, Marlene-Dietrich-Platz, Eintritt frei (Platzkarten erforderlich, Reservierung unter Telefon 25 90 04 27 oder www.hebbel-theater.de )

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