Kultur : Jeeps, Cola, Demokratie

Ein amerikanisches "Re-Education"-Wochenende im Berliner Hebbel am Ufer.

Jan Oberländer

Die Biografie des in Stanford lehrenden Romanisten Hans Ulrich Gumbrecht lässt sich als Erfolgsstory amerikanischer Symbolpolitik lesen: Gumbrecht, 1948 geboren, wuchs in der amerikanisch besetzten Zone Nachkriegsdeutschlands auf und war, so die zugespitzte Version, von den Jeeps und der Coca-Cola der GI-Väter seiner Schulhofkumpels so beeindruckt, dass er voller Sympathie für Uncle Sam 1989 in die USA auswanderte und schließlich amerikanischer Staatsbürger wurde. Einen Jeep fährt er heute noch.

Auf dem Podium, das Gumbrecht mit seinem Generationsgenossen, dem Berliner Medientheoretiker Friedrich Kittler auf der HAU-Bühne bestritt, ließ Gumbrecht zwar auch die Stichworte "Gehaltskonditionen" und "intellektuelles Milieu" fallen. Dennoch sind seine Aussagen Hinweise darauf, dass die USA im Stunde-Null-Deutschland eine ziemlich attraktive Geschichte zu erzählen hatten. "You too can be like us" lautete denn auch der Untertitel des thematischen Wochenendes zur "Re-Education", das sich unter der Kuratel von Stefanie Wenner mit Performances, Installationen, Filmen, Vorträgen und Diskussionen dem Phänomen der politischen und ideologischen Umerziehung widmete.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager ging es in der alliierten Re-Education allerdings nicht um Cola. Noch während des Krieges, so erklärt der Filmwissenschaftler Thomas Tode, wurde in den USA über die Umerziehung der in ihrem Nationalcharakter pathologischen Nazideutschen nachgedacht. Ein Teil der Neujustierung waren Erziehungsfilme: Dokumentarfilme, die den Deutschen ihre Schuld am Zivilisationsbruch des Holocaust in erschütternder Schonungslosigkeit vor Augen führten, und Filme, die auf positive Weise zur Anwendung der neuen demokratischen Gesellschaftsform erziehen sollten.

Gerade die USA konnten in diesen Filmen noch aus einer – wenn auch idealisierten – Position moralischer Autorität sprechen. Das HAU-Wochenende zeigt allerdings: Heute ist das schwieriger mit der Umerziehung. Die Marke "Amerika" hat im Laufe des 20. Jahrhunderts an Glaubwürdigkeit verloren. Als Reaktion hierauf ruft das "Brand America"-Mitmachprojekt des Künstlers Evil Knievel alle US-Bürger auf, das Auslands-Image der in ihren Grundideen durchaus positiven USA zu verändern: Lernt Sprachen, lächelt, seid bescheiden.

Die Sehnsucht nach einem anderen Amerika-Bild scheint auch in Marco Vezzolis Projekt "Democrazy" auf. In den gefakten US-Präsidentschafts-Wahlwerbespots sagt die Hollywood-Diva Sharon Stone als Kandidatin Patricia Hill Sätze wie: "We are not the world’s greatest country. We are not!" Und ihr Gegenkandidat, gespielt von dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévi, geht als sehr US-untypischer "writer – professor – diplomat" auf Stimmenfang. So nimmt Vezzoli die Entertainisierung der Politik aufs Korn – und erzieht zugleich zur kritischen Medienbetrachtung.

Angesichts der aktuellen politischen Lage, gerade auch im Irak, zeigen sich andere Künstler allerdings einigermaßen ratlos. Der Performance-Veteran Richard Schechner hat seiner 1970 entstandenen kritischen Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg ausdrücklich keine aktuelle Position entgegenzusetzen: Die alten Protestformen funktionieren nicht mehr.

Im Libanon ist die einzige denkbare Hilfe – Selbsthilfe. In einem Land, in dem es über den von 1975 bis 1990 dauernden Bürgerkrieg bis heute keine Schulbucheinträge gibt, unternimmt der Beiruter Künstler Rabih Mroué in seiner Performance "How Nancy wished that everything was an April fool’s joke" einen ersten Versuch, über diesen Krieg zu sprechen.Vier Performer sitzen auf einem Sofa und erzählen von ihrer (fiktiven) Rolle als Mitglieder der verschiedenen Milizen – Dutzende Male sinnlos getötet, Dutzende Male als Propagandafiguren auferstanden. Mroué und seine Performer haben keine pädagogische Lösung anzubieten, keine neue Gesellschaftsordnung. Sie haben nur Puzzleteile der disparaten Geschichte ihres zerrissenen Landes. Schließlich sitzen sie alle auf demselben Sofa.

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