Kultur : Jelineks Preis

Neben dem Ruf nach dem "Wenderoman" bestimmten die literaturkritische Tagesordnung in den letzten Jahren etwas hilflos wirkende Aufforderungen an die deutschsprachigen Autoren, nun endlich wieder Geschichten zu erzählen, die Leser mit guten Storys aus dem prallen Leben zu unterhalten und nichts als "Leselust" zu bereiten.

Wenn nun die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung Elfriede Jelinek mit dem Büchner-Preis auszeichnet - nach Christa Wolf (1980) und Sarah Kirsch (1996) als dritte Frau in den letzten dreißig Jahren -, dann darf das auch als ein Votum für eine Literatur verstanden werden, die der Sehnsucht nach einer neuen Einfachheit und Leichtigkeit des Schreibens entschieden widerspricht.Elfriede Jelinek steht - mit ihren Romanen womöglich noch mehr als mit ihren jetzt häufiger gespielten und stets umstrittenen Theaterstücken - für eine Literatur, die auf höchst artistische Weise im Medium der Sprache radikale Kritik politischer Herrschaftsverhältnisse vorzunehmen sucht.Wo andere Schriftstellerinnen - auch solche, die sich wie sie dem Feminismus verpflichtet fühlen - in Darstellungen weiblichen Leidens vor allem auf letzlich tröstliche Identifikationsangebote setzen, bleibt Elfriede Jelineks literarischer Blick kühl und unversöhnlich.Sie ist am ehesten einer Tradition des ästhetisch Bösen zuzurechnen, die in der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur kaum fruchtbar wurde.

Aggressivität und Haß, gepaart mit einem analytischen Intellekt sind seit jeher die Motoren in Jelineks Werk, das vieles, was die literarische Szene kurzzeitig bewegt, so provinziell erscheinen läßt.Die 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geborene Wiener Schriftstellerin, die als Übersetzerin von Thomas Pynchons "Enden der Parabel" eine frühe Kennerin der avancierten Formen der amerikanischen postmodernen Literatur war, debütierte 1970 mit dem Pop-Roman "wir sind lockvögel, baby", in dem sie Topoi der Trivialliteratur und der Comics sprachspielerisch destruierte.Die Auseinandersetzung mit Trivialmythen, das Verfahren der Montage hat sie bis heute konsequent weiterentwickelt; sie kennzeichnen ihre Ästhetik noch in "Lust", ihrem vieldiskutierten Antiporno von 1989, sowie ihrem opus magnum "Die Kinder der Toten" (1995).

Literaturpreise dienen nicht zuletzt der Kanonisierung von Werken.Wenn der Büchner-Preis dazu beitragen würde, daß die oberflächliche Skandalisierung der von ihr selbst gekonnt inszenierten öffentlichen Figur Jelinek zugunsten der erneuten Lektüre ihrer Werke abnähme, es wäre ein Gewinn.Vielleicht würde so in Erinnerung gerufen, was Literatur vermag, die als Mittel der Erkenntnis ernstgenommen wird. rat

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