Kultur : "Jene Tradition, die nicht dem Mainstream dient"

CLAUS KÄPPLINGER

Funktionalismus und Utopie: eine Bernauer Tagung über den Bauhaus-Direktor Hannes MeyerVON CLAUS KÄPPLINGERZwei Jubliäen und der ungewissen Zukunft eines der überzeugendsten Gebäude des Neuen Bauens war ein Kolloquium des Vereins "Baudenkmal Bundesschule Bernau" gewidmet.Vor 70 Jahren wurde der Schweizer Architekt Hannes Meyer zum Direktor des Bauhauses berufen, vor 70 Jahren erfolgte die Grundsteinlegung seiner Schule in Bernau, Gegenstand und Ort des aktuellen Treffens.Doch gab der Anlaß wenig Grund zum Feiern: dem konstruktiv reifsten, aber auch dem Menschen und der Landschaft zugewandesten Werk des Bauhauses drohen Verfall und Demontage.An der Ignoranz der Nachgeborenen scheint endgültig zu scheitern, was ehemals für einen selbstbewußten Aufbruch in eine eine bessere Gesellschaft stand: Es war die Bundessschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, die hier Hannes Meyer und das Bauhaus gegen Ende der Weimarer Republik bauten, für die jedoch heute offenbar weder die Gewerkschaften noch andere Institutionen eine Verwendung finden.Dabei handelt es sich um ein Baudenkmal seltener Güte, um ein harmonisch in die Landschaft eingefügtes Ensemble von Bauten, dessen Wege und Räume stets im Blickkontakt mit der umgebenden Natur stehen.Spröde gibt sich dabei die Architektur, ganz dem Funktionalismus verpflichtet.Den Blicken offen liegt die konstruktive Fügung wie auch die einfache, doch klug durchdachte Haustechnik. Da jedoch heute der Funktionalismus viel Kritik erfährt, bemühten sich die Referenten vor allem um ein besseres Verständnis jener Architektur, die mit dem Namen des Bauhauses verbunden ist.Engagiert, gegenüber der ungewissen Perspektive der Bundesschule hilflos, hoben sie auf die Leistungen des Bauhauses und seines Direktors Meyer ab.Ihr Spektrum reichte von den Laubenganghäusern des Architekten bis zu dessen später Rezeption durch kritische DDR-Architekten.So verortete Jonas Geist die Dessauer Laubenganghäuser in eine weitaus umfangreichere Bautradition, die bis in die frühe Neuzeit zurückreicht.Ein Optimum an Wohnqualität schuf Meyer mit sehr begrenzten Mitteln.Das Vorurteil eines seelen- und ortlslosen Funktionalismus bemühte sich Simone Hain zu entkräften, die in heroischem Duktus Meyer als einen der ersten ökologischen Architekten interpretierte.Dagegen verglich der Zürcher Diego Peverelli eine spätere Lehrstätte des Funktionalismus, die Ulmer Hochschule für Gestaltung, mit der Bernauer Bundesschule.Deren Architekt, Meyer-Schüler Max Bill, hat dort seinem Lehrer Referenz erwiesen, wenngleich er nicht ganz dessen architektonische Kohärenz erreichen konnte.Wolfgang Kil hingegen rief dazu auf, sich in der Tradition Meyers wieder der gesellschaftlichen Verpflichtung von Architektur bewußt zu werden.Am Beispiel der rebellischen 68er der DDR-Architektur zeigte er Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Meyer-Rezeption auf.So mußten zu DDR-Zeiten viele Architekten in Nischen des Denkmalschutzes ausweichen, während heute eine ästhetische Annäherung an den Funktionalismus überwiegt.Der Venezianer Marco de Michelis knüpfte daran an, indem er den weit über Architektur hinausgreifenden Reformcharakter des Bauhauses betonte.Klaus-Jürgen Winkler beendete das Kolloquium mit der Aufforderung, sich zu einer Tradition zu bekennen, "die nicht dem gegenwärtigen Mainstream dient."

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