Jens Mühling erkundet den Wilden Osten : Lenins Nachttopf

Moskau, Kursker Bahnhof, 23. Februar 1897. Ein junger Mann wartet auf die transsibirische Eisenbahn. Vor ihm liegt eine lange Reise, die in Schuschenskoje enden wird, einer südsibirischen Kleinstadt. Das Zugabteil ist eng, aber nicht halb so eng wie Zelle 193 des Petersburger Untersuchungsgefängnisses, aus der man den jungen Mann soeben entlassen hat. Weil er revolutionäres Schrifttum verbreitet hat, soll Wladimir Uljanow die verbleibenden drei Jahre seiner Strafe als Verbannter verbüßen.

Verglichen mit dem späteren Albtraum der sowjetischen Lager ist das zaristische System der Verbannung komfortabel. Angehörige gehobener Schichten – Uljanow stammt aus einer Gutsbesitzerfamilie – können ihr Leben in Sibirien mehr oder weniger frei gestalten. Der junge Mann lässt sich in einem mittelgroßen Landhaus nieder. Er kauft sich ein Jagdgewehr und einen Irish Setter namens Schenka. Regelmäßig sieht man ihn durch die umliegenden Wälder pirschen. Im Sommer badet er zwei Mal am Tag in einem nahe gelegenen Fluss, im Winter beeindruckt er die Kleinstadtbewohner mit dem eleganten Schwung seines Schlittschuhlaufs. „Wenn er, die Hände in den Taschen vergraben, über das Eis lief“, erinnert sich eine bewundernde Zeugin, „konnte niemand ihn einholen.“

Nebenbei findet der junge Mann Zeit, ein Buch zu vollenden, das später in den Kanon der Heiligen Schriften der Sowjetunion eingeht: „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“, erschienen 1899 unter dem Pseudonym Wladimir Iljitsch Lenin.

Die Schlittschuhe hängen an der Wand, als hätte Lenin sie gerade zum Trocknen aufgehängt. Ein großer Mann mit kleinen Füßen, denke ich unwillkürlich. Es ist ein ruhiger Tag im ehemaligen Wohnhaus des Revolutionärs, wir sind zu sechst: die Museumsführerin, eine russische Familie und ich. Das Jagdgewehr hängt an der Schlafzimmerwand, darunter stehen die beiden Metallbetten, in denen Lenin und seine Frau Nadeschda Krupskaja schliefen. Alles atmet den Geist des alten sowjetischen Führerkults. Ehrfürchtig stehen wir vor Seinem Bücherregal, wir betrachten uns in Seinem Rasierspiegel. Die Führerin verliest die Heiligenvita. Dann wendet sie sich an die Gruppe: „Fragen?“

Ein kleiner Junge will wissen, wo das Klo ist.

„Am Haupteingang.“

Nein, sagt der Junge, er will wissen, wo das Klo vom Lenin ist – das Haus vom Lenin hat ja gar kein Klo!

Alle lachen. Nur die Führerin reagiert schmallippig: „Ich persönlich, junger Mann, finde das irrelevant.“

Die Mutter springt ein. „Bestimmt hatte der Lenin einen Nachttopf unterm Bett“, flüstert sie. „Die Frau hat doch erzählt, dass der Lenin ein Dienstmädchen hatte, sicher hat die sich um den Nachttopf gekümmert.“

„Fragen?“

Ich zögere. Gerüchteweise habe ich gehört, dass das Dienstmädchen sich nicht nur um Lenins Nachttopf gekümmert hat. Als ich frage, sieht die Führerin mich an wie einen Irren.

„Was?“ Ihre Stimme überschlägt sich. „Wer? Wer hat das behauptet?“

„Ein Mann an der Bushaltestelle.“

„Lügen!“ Sie schüttelt den Kopf. „Junger Mann, Lenin hatte eine Mission! Er hat hier Bücher geschrieben, eine Partei aufgebaut, für solchen Unsinn hatte er überhaupt keine Zeit! Haben Sie die Betten nicht gesehen?“

In der Tat habe ich die Betten gesehen. Sie stehen im rechten Winkel zueinander, Lenins Kopf an Krupskajas Füßen, getrennt durch ein keusches Bettgitter. „Sie meinen...?“

„Ja, ich meine! Lenin war ein hochbeschäftigter Mann!“

Sie wirkt erleichtert, als sie die Gruppe verabschiedet. Ich begreife nicht, warum in ihrem Kopf ein Lenin lebt, der vor Missionseifer nicht aufs Klo geht. Sie ist kaum älter als ich.

Wo geht eigentlich Putin aufs Klo?

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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