Kultur : Jenseits der frommen Wünsche

Rechtsstaat als Exportprodukt oder Sympathie für Attentäter? Kulturpolitiker debattieren in Berlin – und es gab einen Skandal

Caroline Fetscher

„Goethe“ ist der größte Name für Kulturpolitik im Ausland. Goethe-Institute bringen Heiner Müllers „Hamletmaschine“ nach Montreal, Bilder von Max Ernst nach Johannesburg, deutschen HipHop und junge Schriftsteller nach Kopenhagen. Längst bedeutet Kulturpolitik nicht mehr koloniale oder postkoloniale Mission, sondern Austausch. Für Dichter und Denker in Ländern mit so genanntem Demokratiedefizit können Goethe-Institute mithin auch Schutzräume sein, Orte, an denen sie sich mitteilen und diskutieren können. Wie wertvoll diese Arbeit sein kann, das bewiesen etwa die siebziger Jahre in Lateinamerika.

Auch die bundesdeutschen Parteien sind im Ausland „interkulturell“ aktiv, mit der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD), der Adenauer-Stiftung (CDU) oder der Böll-Stifung (Grüne). Was das bedeuten kann, soll und wird, darüber debattierten am Wochenende etwa 200 Teilnehmer der Konferenz „Culture unlimited – Kulturpolitik im internationalen Kontext“. Was im Berliner Haus der Europäischen Kommission, Unter den Linden gelegen, so harmlos begann, bot im Laufe von zwei Tagen einiges an kulturpolitischem Sprengstoff und schließlich sogar eine kleine verbale Detonation.

Murren entstand beim Podium über „Vernetzung“, als Holger Ehmke von der Bundeszentrale für Politische Bildung eine Afrika-Studie seiner Bonner Institution vorstellte, die im Februar 2003 erscheinen wird: Stets finde man in der Kulturarbeit auf dem Kontinent dieselben 30 Leute, ein Klüngel, eine Clique, befangen in einer Art kulturpolitischem Inzest. Das müsse sich ändern, sonst komme kein frischer Wind in die Kulturarbeit, meint Ehmke, der für die nächsten drei Jahre ein Schwerpunktprogramm zu Afrika plant. „Da protestieren welche, nur weil sie selbst in dem Klüngel sitzen“, kommentierte das eine Studentin trocken.

Immer heikler werden die Aufgaben der so genannten „Kulturmittler“ in Krisenregionen. Anstatt wie einst die Zelte abzubrechen, sobald ringsum das Gelände vermint ist, wagen mutige Mitarbeiter sich ins Nachkriegs-Kabul oder in besetzte Gebiete. So baut Renate Elsässer, erfahren durch langjährige Einsätze von Vietnam bis Sarajevo, das Goethe-Institut in Kabul mit einer knappen Million Euro Jahresbudget neu auf. „Heiße politische Eisen kann ich dort nicht anrühren“, erklärt sie auf dem Podium. Ihr Kollege Manfried Wüst leitete bis September 2002 das Goethe-Institut in Ramallah, seither das Institut im syrischen Damaskus. Juden und Palästinenser an einen Tisch zu bringen, das sei ein frommer Wunsch, ebenso naiv wie der Gedanke, „Nathan der Weise“ im Stadttheater Heilbronn könne zur Versöhnung beitragen. „In Lessings Saladin sehen heutige Araber eine Karikatur.“ Mit kleinen, pragmatischen Schritten vor Ort müsse man sich meist begnügen. Wüst hat in Ramallah Konzertflügel stimmen lassen und Musikveranstaltungen gefördert. Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Institutes und als stiller Gast dabei, meldete sich zu Wort.

Bei aller Vorsicht und Rücksicht, erklärt die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, gebe es auch einen demokratischen Auftrag der Kulturarbeit. Rechtsprinzipien seien ein „gutes Exportprodukt“ und unbedingter Bestandteil der Kulturarbeit.

In der Welt nach dem 11. September 2001 haben diese Überlegungen besonderen Stellenwert. Erschütternd für die Kulturarbeiter ist eine Studie der UN-Organisation für Entwicklung (UNDP), die in den 22 Staaten der Arabischen Liga für deren 280 Millionen Einwohner einen extremen Mangel an Bildung, Forschung, Literaturproduktion, Übersetzungen nachwies. Die Studie machte auf allen Kontinenten Schlagzeilen. Nicht minder erschüttert war denn auch so mancher im Publikum, als sich herausstellte, dass Wilfried Grolig, Leiter der Kultur- und Bildungsabteilung des Auswärtigen Amtes mit einem Etat von jährlich 589 Millionen Euro – ein Viertel des ganzen Außen-Etats –, diese Studie nie gesehen hatte. „Wozu zahle ich meine Steuergelder?“, fragte ein fassungsloser Akademiker seine Nachbarin.

Welche Kulturarbeit man im Westen für die „arabische Welt“ konzipiert, das scheint noch weitgehend vage. „Was sagen Sie angesichts von Plakaten, auf denen Selbstmordattentäter als Helden dargestellt werden?“ möchte eine Dame im Publikum von Manfried Wüst wissen. Wüst, einst evangelischer Pfarrer, zögert nicht: „Für mich sind palästinensische Terroristen Freiheitskämpfer!“, erklärt der sechzigjährige Goethe-Chef aus Damaskus. Raunen und Rascheln, Rufe und Unruhe im Saal. „Habe ich richtig verstanden?“ fragt jemand hinten im Saal: „Haben Sie ,Freiheitskämpfer’ gesagt?“ „Ja!“ Wüst bleibt dabei und wird im Ton ein wenig starr und stur: „Das sind für mich Freiheitskämpfer!“ Dass Jutta Limbach, Wüsts oberste Dienstherrin, im Raum war, störte den Goethe-Streiter keineswegs. Limbach, dazu vom Tagesspiegel befragt: „Meine persönliche Haltung ist klar. Ich teile diese Einschätzung nicht im mindesten und habe – vor allem in Anbetracht der Selbstmordattentate in Israel – kein Verständnis für diese Aussage.“ Denn, so Limbach, „wer sich mit Schrecken und Gewalt über die Menschenwürde, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit hinwegsetzt, ist für mich ein Straftäter und verdient nicht das Prädikat des Freiheitskämpfers.“ Wüst werde, so heißt es in der Münchner Zentrale des Goethe-Institut Inter Nationes, „zur Klärung einbestellt“.

Interkulturalität, das wurde auf dieser Tagung deutlich, ist eben nicht „culture unlimited“. Es gibt Grenzen. Nicht die geographischen, nicht die ethnischen Grenzen, sondern die Grenzen des Ethischen und Rechtlichen. Um diese aufzuzeigen und beherzt in aller Welt zu vertreten, lohnt sich ein Millionenetat. Im besten Fall geht es um „Präventionsmillionen“ – allemal schöner als Militärmillionen. Doch dazu muss das Bewusstsein bei den „Kulturmittlern“ sich offenbar noch entwickeln. Nicht zu einem weiten Feld, sondern zu einem klaren Kern.

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