Kultur : Jenseits der Logik westlicher Psychologie

Fokke Joel

Wenn Yasar Kemal einer der bekanntesten türkischen Schriftsteller ist, hat das viel mit seiner Biografie zu tun. Zwei Brüder seiner kurdischen Mutter wurden als Räuber erschossen, der Vater war ein anerkannter Großgrundbesitzer in der Cukurova, jener fruchtbaren Ebene zwischen dem Taurusgebirge, der syrischen Grenze und dem Mittelmeer. Nach dem Tod des Vaters - Yasar Kemal war knapp fünf Jahre alt - verarmte die Familie, so dass er die Not der einfachen Bauern kennen lernte. Bauern, die von Nomaden abstammten, zwar bereits seit zwei Generationen sesshaft, aber dennoch stets bereit waren, wieder zum Leben in den Zelten zurückzukehren.

In Kemals Biografie kreuzen sich so fast exemplarisch die unterschiedlichen Kulturen, die die heutige Türkei prägen. Nicht nur, dass ein großer Teil der anatolischen Bevölkerung nomadische Vorfahren hat; der Wandel von der agrarischen zur städtisch geprägten Gesellschaft begann in der Türkei erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Konflikte zwischen Großgrundbesitzern und den Bauern, wie sie in Kemals berühmtestem Buch, "Mehmet, mein Falke", geschildert werden, die mit Gewalt durchgesetzte Sesshaftmachung der turkmenischen Nomaden in "Das Lied der tausend Stiere" oder die Geschichte von der Geburt des Propheten aus der Verzweiflung in einem armen Bergdorf, wie er sie in "Eisenerde, Kupferhimmel" beschreibt - all das sind Erzählungen, die sowohl auf Kemals eigene Erlebnisse zurückgehen, als auch zentrale Konflikte der türkischen Bevölkerung ausdrücken.

Flucht durch ein zerfallendes Reich

Für den Roman "Salman" gilt das ebenfalls. Wer die autobiografischen Gespräche Kemals mit dem französischen Journalisten Alain Bosquet kennt ("Der Baum des Narren"), wird unschwer biografische Details wiedererkennen. Bei der Vertreibung einer Großfamilie vom Van-See durch die heranrückenden russischen Truppen 1915, mit der das Buch beginnt, ist Kemals eigene Familie Vorbild gewesen. Andertalb Jahre dauerte die Flucht durch das zerfallende Osmanisch Reich, während der die Menschen sich gegenseitig wegen eines Stücks Brot umbrachten, und elternlose Kinder mit herumstreunenden Hunden Dörfer überfielen, um nicht zu verhungern. Am Ende der Odyssee finden die übriggebliebenen Familienmitglieder in einem Dorf in der Cukurova eine neue Heimat.

Die ungeheure Fruchtbarkeit der Cukurova, die in der Kindheit Kemals noch nicht durch intensive Landwirtschaft zur Monokultur zerstört war, ersteht in "Salman" vor den Augen des Lesers. Die Musikalität der Schilderungen erinnert am stärksten an die Vergangenheit des Autors als fahrender Sänger, der als Kind Volkslieder und die Heldenepen des nomadischen Widerstands gegen die Osmanen vortrug. Man spürt, wie schwer es Kemal gefallen sein muss, das Angebot eines der größten Sänger der Zeit, bei ihm in die Lehre zu gehen, zugunsten der Schule abzulehnen. "Der Balladenerzähler trägt mit seiner ganzen Stimme, seinem ganzen Körper vor. Der Schriftsteller ist mit Bleistift und Papier allein." Mit der Vergangenheit Kemals lässt sich vielleicht auch eine andere Besonderheit des Romans erklären. Bereits in "Das Lied der tausend Stiere" hatte er sich darüber beschwert, dass die Kritik die Psychologie, die in diesem Roman eine so große Rolle spiele, nicht wahrgenommen habe. Genau die gleiche Gefahr besteht bei "Salman", denn das entscheidende Rätsel der titelgebenden Figur ist das Motiv für den Mord am Adoptivvater. Das aber, was Kemal unter Psychologie versteht, ist etwas anderes als das, was im Westen darunter verstanden wird. Für ihr Verständnis ist weniger die Beschreibung innerer Vorgänge ausschlaggebend, als die von äußeren Einflüssen auf das Innere der Figuren.

Wenn Liebe sich in Hass verwandelt

So beginnen die Menschen im Dorf, über Ismail Aga, den Adoptivvater Salmans, Geschichten zu erzählen. Dass er Salmans Mutter umgebracht habe; dass er zu seinem Reichtum nicht durch Arbeit, sondern durch Betrug gekommen sei. Geschichten, die mehr sind als bloßer Tratsch und weniger als eine Erzählung, Geschichten, die die Ambivalenz von Phantasie und Erzählen deutlich machen. Denn sie sind nicht nur von Boshaftigkeit und Neid geprägt, sondern auch von Mitleid für Salman, den Ismail Aga schlecht behandelt, nachdem ihm seine Frau einen leiblichen Sohn geboren hat.

Salman zieht sich immer mehr in sich zurück und seine abgöttische Liebe Ismail Agas gegenüber verwandelt sich langsam in Hass. Gerade in Deutschland, dessen Kultur und Werte stark von einer protestantischen Innerlichkeit geprägt sind, fällt es schwer, eine Psychologie, wie sie Kemal beschreibt, in ihrer Differenziertheit nachzuvollziehen. Ohne dieses Bewusstsein aber wird man "Salman" nicht verstehen. Läßt man sich jedoch auf das "Andere" dieser Literatur ein, wird nicht nur die Qualität des Romans deutlich, sondern auch die Unsinnigkeit der Behauptung von einer reicheren Psychologie westlicher Literatur. Die Schwächen des Buches sind deshalb weniger in einer mangelnden psychischen Begründung der Figuren zu suchen, als vielmehr in der Idealisierung der Figur Ismail Agas. In den Passagen aus der Sicht der Kinder des Dorfes mag das gerechtfertigt sein.

Der begrenzte Blick des Sohnes

Aber dort, wo die Vorgeschichte, die Flucht der Familie aus Van und die ersten mühevollen Jahre in der Cukurova aus der Perspektive des allwissenden Erzählers geschildert werden, bleibt er zu sehr der bewunderte Vater des Autors. Widersprüche und Konflikte innerhalb der Figur werden erst ganz zum Schluss geschildert, als Ismail Aga - zu spät - bemerkt, dass er seinen Adoptivsohn zu sehr vernachlässigt hat.

Trotzdem gelingt es Kemal in "Salman" noch einmal, das Panorama der Cukurova-Gesellschaft vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden zu lassen. Wenn die Welt, die Kemal beschreibt - das ländliche Anatolien - mit dem Strukturwandel in der Türkei seit den sechziger Jahren auch mehr oder weniger verschwunden ist, bleiben seine Geschichten doch weiterhin aktuell.Yasar Kemal: "Salman". Roman. Aus dem Türkischen von Cornelius Bischoff. Unionsverlag, Zürich 1999. 500 Seiten, 49 DM.

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