Kultur : Jenseits des Regenbogens

REINER SCHWEINFURTH

Mehrere Dramen Tschechows hat das Orph-Theater zusammengefaßt, um "In Antons Garten" eine neue Variante der Zeitenwende zu illustrieren.Mehrere Dramen zuviel.Als Klammer bleibt zwar der "Kirschgarten" bestimmend, doch der hilflosen Dramaturgie (Tom Mustroph) gelingt es nicht, plausibel zu machen, warum Verweise aus anderen Texten hinzukommen müssen, um die Karikatur des Tschechowschen Personals zu verstärken.Im Sturm beginnt es ("Auf der langen Straße"), die Penner halten sich am Wodka fest und haben genauso wenig Lebensmut wie die folgende Gesellschaft, die sich im Garten versammelt.In Kostümen, die der Belle Epoque nachempfunden sind, hängen die Damen und Herren in Liegestühlen und sind bereits nach wenigen Minuten spielerisch an ihrem emotionalen Limit angelangt.Übertreibung bestimmt die Diktion.Lopachin wird ausgelacht, die dekadenten Großbürger haben keinen Schimmer vom Wirtschaften.

Die Sprache des Dramatikers erscheint wie aus einem abgeschlossenen Roman in der Regenbogenpresse.Von Stanislawski natürlich keine Spur, ein unvermeidlicher Samowar dräut rrrussisch, und die utopischen Träume eines Schöngeistes zerplatzen wie Sprechblasen.Doch die Inszenierung von Matthias Horn will den Zuschauer auf eine Zeitreise mitnehmen.Gegen Schluß öffnen die fünf Akteure in den Sophiensälen den Gartenzaun zur Hinterbühne.Eine Höhle erscheint in blauer Illumination, und die vorher zu Kindern gewordenen Figuren laufen traumverloren mit Trommel und Kreisel bewaffnet in ein Land jenseits des Regenbogens.Nichts hat diese Volte vorbereitet.Die Aufführung bleibt, wie so oft bei freien Gruppen, ehrgeiziges Laientheater, das nicht über die ästhetischen Mittel und die Analyse verfügt, um Tschechow gerecht zu werden.

Das Orph-Theater war einmal für seine vehemente, körperliche Spielweise bekannt, die aus kopflastigen Stücken verdrängte Bewegungspotentiale zum Vorschein brachte.Das wäre sicher auch beim russischen Klassiker möglich.Sich in das Paradies der Regression zu flüchten, weil Langeweile und Stagnation absolut geworden sind, kann einen solchen dramaturgischen Ansatz durchaus nahelegen.Aber statt sich des Körpers als Instrument zu bedienen, entsteht unfreiwilliges Kostümtheater.Die Ästhetik Peter Steins wird in den Sophiensälen nicht widerlegt.

Wieder 11.-13.und 16.-20.12., 20 Uhr.

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