Kultur : Jenseits von Bollywood

Oliver Heilwagen

Auf dem Planeten Kunst werden die letzten weißen Flecken erforscht: Auf die Mammutschau "Living in time" im Hamburger Bahnhof, die die zeitgenössische Kulturlandschaft Chinas vermessen hat, folgt ein Einblick in die moderne Kunst Indiens.

Mit der Ausstellung dreier Meister aus der südindischen Künstlerkolonie von Cholamandal startet das Museum für Indische Kunst ein ehrgeiziges Projekt: Bis 2006 soll ein halbes Dutzend Einzelausstellungen wichtige Strömungen der Gegenwartskunst auf dem Subkontinent vorstellen. Höhepunkt wird eine Überblicksschau im Martin-Gropius-Bau sein. So wird es dieser Weltkultur hoffentlich gelingen, den Ruf abzulegen, zur Zeit vor allem Bollywood-Filme und Billigschmuck zu produzieren.

Cholamandal ist eine Art indisches Worpswede. Das Künstlerdorf entstand 1965 an der Küste, nahe der Millionenstadt Chennai, dem früheren Madras. Dem Gründer K. C. S. Paniker schwebte eine autarke Gemeinschaft für sich und seine Schüler vor. Die dort wohnenden Künstler essen und arbeiten gemeinsam. Zwei bis drei Stunden am Tag fabrizieren sie Kunsthandwerk wie Batiken, um die gemeinsame Lebensführung zu finanzieren. Die übrige Zeit arbeitet jeder für sich - einige mit großer Resonanz. Manche beschränken sich mittlerweile darauf, nur noch ihre Erfolgsformeln zu kopieren. Bei den drei in Berlin präsentierten Künstler ist das nicht der Fall. Jeder hat seine individuelle Handschrift, die klassische indische Traditionen und Einflüsse der europäischen Moderne mit oft erstaunlicher Originalität verbinden.

Der älteste unter ihnen ist Sultan Ali, der vor einem Jahrzehnt verstarb. Obwohl Moslem, bemühte er sich, in seinen Werken eine überkonfessionelle, die hinduistische Mythologie einschließende Spiritualität zum Ausdruck zu bringen. Ein in Dahlem gezeigtes, unbetiteltes Gemälde demonstriert Alis Bildauffassung aufs Deutlichste: In Abschattungen, die an den analytischen Kubismus gemahnen, wird eine stilisierte Person in zwei Hälften zerlegt, die die Prinzipien des Guten und Schlechten repräsentieren. Fabelwesen aus dem überreichen Sagenkosmos Indiens sind anmutig in die Silhouette integriert.

Einen eher theatralischen Stil pflegte der vor zwei Jahren verstorbene Reddappa Naidu. Paradox an seiner "Göttin" mutet an, dass sie trotz gedämpfter Töne in verführerisch schillernder Farbigkeit leuchtet. Delikate Verläufe schimmern wie Perlmutt und scheinen der Abgebildeten jene unendliche Vielfalt der Erscheinungen zu verleihen, die für Hindugötter charakteristisch ist.

In den Arbeiten von Ebenezer Sunder Singh spielt die Religion dagegen kaum eine Rolle. Der 35-Jährige bedient sich eines Eklektizismus, dessen plakative Oberfläche die abgründige Symbolik des Dargestellten kaum ahnen lässt. Etwa beim "Snail-Man", dessen riesiges Kopfporträt von einer Schlange umringelt wird: Ohne Erläuterung bleibt unklar, dass Ebenezer hier ein böses Omen vor dem Unfalltod eines nahestehenden Freundes auf die Leinwand gebannt hat. Selbst jene auf Kleinformate gepinselte Scherze, in denen englische Wörter je ein auratisches Objekt kommentieren, sind für europäische Betrachter kaum verständlich: Man merkt, dass abendländische Kategorien bei der Deutung dieser vielschichtigen Ikonographie unzureichend sind.

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