Kultur : Jenseits von Jedem

Vom Wunsch nach ewigen Werten in der Popkultur: eine kurze Geschichte des Kanons

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Rob, Barry und Dick lieben es, Listen zu machen. Wenn die drei Helden aus Nick Hornbys PopRoman-Klassiker „High Fidelity“ morgens verkatert ihren verratzten Londoner Plattenladen „Championship Vinyl“ aufmachen, bringen sie sich erstmal mit der Zusammenstellung einer skurrilen Hitliste auf Trab: Die fünf besten Gitarrensoli aller Zeiten, die fünf besten Platten von blinden Musikern usw. Die drei sind Experten.

Eigentlich hassen sie die üblichen charts. Sie suchen nach den ewigen Werten der Popmusik – und des Lebens. Für beides sind Hitlisten praktisch. Eines Tages stirbt der Vater von Robs Exfreundin Laura. „Okay, Jungs, die fünf besten Songs über den Tod.“ Wie immer können sie sich nicht einigen. Gehört „Terry“ von Twinkle zu den Death-Tribute-Top-Five? Oder „One Step Beyond“ von Madness? Rob hat schon darüber nachgedacht, was er bei seinem Begräbnis gespielt haben möchte: „One Love“ von Bob Marley und „Angel“ von Aretha Franklin.

An „High Fidelity“ lässt sich gut zeigen, wie Individuen, soziale Gruppen und schließlich Gesellschaften „Listen machen“. Am Anfang steht die individuelle Hitliste, die Inselfrage: Was würden Sie mit auf die einsame Insel nehmen? Oder: Welche Songs soll man auf Ihrer Beerdigung spielen? Am Ende steht irgendwann die „Bestenliste aller Zeiten“, der ewige Kanon. Was Nick Hornby beschreibt, ist Kanonbildung zu Zeiten des Pluralismus. Aber der Kanon sei längst tot, heißt es. Ist das nur ein Tick schräger Freaks? Oder lässt sich an diesem Beispiel etwas ablesen über eine Wiederkehr des Kanons? Arbeitete die Neuzeit nicht an einer Relativierung und schließlich Auflösung des Kanonischen? Und hat ihre jüngste Erscheinungsform, die Popkultur, dem Kanon nicht endgültig den Todesstoß versetzt?

Unter einem Kanon versteht man eine Menge kultureller Erzeugnisse (Inschriften, Bücher, Bilder, heute auch Filme etc.) die eine Gesellschaft bewahrt und an spätere Generationen weitergibt. Im antiken Griechenland nannte man Kanon eine Liste der mustergültigen Dichter, die nach Meinung der Grammatiker – der damaligen Philologen und Kritiker – die jeweiligen Gattungen am besten erfüllten. Die Schriftsteller, die nicht auf dieser Liste standen, hatten Pech: Ihre Texte wurden nicht überliefert oder nur, wenn andere, eben kanonische Dichter sie zitierten. Die christliche Kirche nannte die Texte der Bibel kanonisch: Aus einer Vielzahl von christlichen Texten stellten die Konzile den Kanon des Neuen Testaments zusammen. Die übrigen wurden vergessen oder galten als ketzerisch. Die Redensart „Unter aller Kanone“ ist eine Verballhornung des lateinischen „sub omni canone“ – für das, was „unter allem“ Kanonischen ist, was nicht würdig ist, zum Kanon zu gehören.

In unserer pluralistischen Gesellschaft gibt es keine zentralistischen Institutionen mehr wie jene griechischen Grammatiker. Und von kirchlichen Konzilen will sich kaum einer mehr vorschreiben lassen, was er lesen soll. Aber was zunächst als Zugewinn an individueller Freiheit erscheint, wird von vielen als bedrohlicher Verlust von kulturellen Bezugssystemen empfunden. Die Aufklärung war eine Abarbeitung am Kanon und sollte die „ewigen“ Werte neu, menschlicher begründen. Heute steht sie im Verdacht, einen Strudel erzeugt zu haben, der den Kanon und mit ihm alle verbindlichen Werte verschwinden ließ.

Das Programm der Aufklärer war, das Überlieferte einer Revision zu unterziehen. Autorität sollte etwas nicht mehr nur deshalb haben, weil es überliefert wurde, sondern, weil es der Vernunft gemäß war. Was das „Gute, Wahre, Schöne“ in sich trug, durfte sich „klassisch“ nennen und als ästhetisches und moralisches Vorbild ins Gedächtnis der Generationen eingehen. Im 20. Jahrhundert wurde dieser neue, vernunftbegründete Kanon seinerseits fraglich: Die Moderne entlarvte das Gute, Wahre, Schöne als zweifelhafte Konstruktionen. Diese hatten sich diskreditiert – so dachte man –, schon deshalb, weil sie nicht die kulturelle Kraft hatten, die Menschheits-Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu verhindern.

Nach den modernen Kanon-Sprengkommandos komplettierte die später „postmodern“ genannte Philosophie die Auflösung des Kanons. Philosophen wie Foucault und Derrida verstanden sich als Anwälte der von der „offiziellen“ Aufklärung verdrängten Autoren und ihrer Schriften. Und der angeblich oder tatsächlich ideologische Sinn der „mächtigen“, der kanonischen Texte sollte entschärft – „dekonstruiert“ – werden. Man ging auf Nummer sicher. Die Popkultur und die „erste globale Revolte“ (Wolfgang Kraushaar) der 68er beseitigten die letzten Reste des Kanonischen: Der Graben zwischen E- und U-Kultur wurde geschlossen, die Spaßgesellschaft war erfunden. Für Pessimisten war das der endgültige Untergang des Abendlands. Optimisten feierten einen neuen Abschnitt in der Geschichte des Liberalismus.

Heute ist die Gegenbewegung zur Auflösung des Kanons voll im Gang. Dass Harald Schmidt in seiner Show Klassiker mit Playmobil inszenierte oder Reclam-Heftchen ans Publikum verteilte, ist nicht nur Marotte eines alternden Spaßmoderators, sondern auch Symptom eines neuen Bedürfnisses nach dem Kanonischen. Marcel Reich-Ranicki hat dieses Jahr als Herausgeber seinen großen deutschen Literatur-Kanon abgeschlossen. Was die Medienspektakel angeht, kann man in Deutschland von 2004 als dem Jahr der Kanon-Shows sprechen: Von „Unsere Besten – die größten Deutschen“ und „Unsere Besten – das große Lesen“ im ZDF bis zu unzähligen 80er- und 90er-Retro-Shows im Privatfernsehen wurde abgestimmt, aufgelistet, kanonisiert. Dabei setzte die Wahl der „besten Deutschen“ (Bismarck unter den Top Ten) eine besondere Zäsur, denn sie zeigte, dass sich Restriktionen in Sachen deutscher Geschichtserinnerung gelockert haben und einer neuen Beweglichkeit weichen, die nicht immer gleich als Revisionismus verstanden werden kann.

Erstaunlicherweise ist die Popkultur selbst, die vielleicht zu voreilig als letzter Totengräber des Kanons diskreditiert wurde, die Vorhut zu dessen Wiederbelebung. Die Hitliste, zunächst einfach ein Verkaufsindex, verselbständigt sich als Prinzip und wird zur neuen Keimzelle des Kanons. Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler liegt nicht falsch, wenn er die Pop-Literatur unter dem Aspekt der Archivierung und Erinnerungsarbeit beschreibt: Zunächst sind die individuellen Charts Abgrenzungsphänomene, begründen die „Peer-Group“, dann die „Szene“ und schließlich das große Ganze der Pop-Kultur. Das als Schnösel-Stammtisch geschmähte Gipfeltreffen der deutschen Pop-Literaten „Tristesse Royal“ (1999) lässt sich eben auch als experimentelle Kanon-Debatte lesen. Die Flexibilität der Popper in Richtung kanonische Werte ist beträchtlich: Ein Protagonist von „Tristesse Royal“, Joachim von Bessing, veröffentlichte jüngst ein Plädoyer für die traditionelle Familie, ein anderer, Christian Kracht, ist seit kurzem Herausgeber einer gediegenen Zeitschrift („Der Freund“), die stark an die „Blätter für die Kunst" erinnert, das Zentralorgan des Kanon-trunkenen George-Kreises Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ein neuer Kanon-Begriff muss jedenfalls ohne eine zentrale, allein selig machende Institution auskommen. Nur bei den Lehrplänen der Schulen und Universitäten ist noch etwas von jener, im alten Sinne kanonischen Kraft zu spüren. Die Kanon-Forscherin Aleida Assmann resümiert: „Die Zwangsalternative zwischen Massenkultur und Elitekultur ist nicht mehr haltbar. Das Prinzip Markt und das Prinzip Kanon schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen und korrigieren sich gegenseitig.“

Das US-Pop-Magazin „Rolling Stone“ wählte dieses Jahr die „500 Greatest Albums Of All Time“. Die deutsche Redaktion legte im November mit eigener, über 50-köpfiger Jury, ein entsprechendes Sonderheft mit den nach. Trotz streng getrennter Jurys und demokratischer Abstimmung sind beide Listen erstaunlich ähnlich: In der US-Version sind vier und in der deutschen nur drei Beatles-Platten unter den Top-Ten („Revolver“, das weiße Album und „Sgt. Pepper’s“). Dafür ist Bob Dylans „Blonde On Blonde“ in Deutschland Nummer 1 und in den USA Nummer 9. „Exile on Main Street“ von den Stones ist in Deutschland auf Platz drei, in den USA auf sieben.

Pop hat offensichtlich eigene Gesetze. Nur für unverbesserliche Pessimisten ist Pop der Tod des Kanons. Für Optimisten ist er dessen zweite Chance.

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