Kultur : Jenseits von Schuld und Sühne

Die Freiheit zum Tod: Der Schriftsteller Jean Améry überlebte die Shoah und nahm sich das Leben. Eine profunde Biografie von Irene Heidelberger-Leonard lädt zu seiner Wiederentdeckung ein

Ulrike Baureithel

Bei der Lektüre von „Hand an sich legen“, schrieb Lothar Baier vor gut fünf Jahren in einem Essay, habe er den Eindruck, „es mit einem der Bücher zu tun zu haben, die erst im Lauf der Zeit preisgeben, was in ihnen an Einsichten niedergelegt ist“. Was Baier, der erstmalige Träger des Jean-Améry-Preises, der vor kurzem in seiner Wahlheimat Montreal selbst Hand an sich legte, für die damals gerade ins Französische übersetzte Streitschrift über den Freitod konstatierte, ließe sich, seitdem der Klett-Cotta-Verlag nach und nach alle Schriften Amérys zugänglich macht, getrost auf das Gesamtwerk übertragen. Hier gibt es etwas zu entdecken, das man nur zu kennen glaubte.

Baiers Nachvollzug der Schrift über den Freitod gibt eine Art Schlüssel an die Hand, mit dem nicht nur Amérys Werk zu entdecken ist. Sie erschließt auch die persönliche „Revolte in der Resignation“, der die Améry-Kennerin und Chefeditorin Irene Heidelberger-Leonard in einer profunden Biografie nachgespürt hat. Zwei Begriffe, so Baier, sind in Amérys Plädoyer für die Freiheit zum Suizid bestimmend: Echec und Dignität. Der im Französischen bewanderte Améry habe diese beiden Begriffe bewusst den deutschen vorgezogen, um dem bloß äußeren Scheitern eines Menschen die „soziale Untröstbarkeit“ einzuschreiben (echec). Die verletzte Dignität – mehr als äußere Würde – verlange eine Antwort: die Selbstauslöschung. Im Echec summieren sich, so Améry, „viele Ziffern von Demütigung, welche von der Dignität und Humanität des Suizidärs nicht angenommen werden“.

Nun ist es vor dem Hintergrund dieser Schrift vielleicht allzu leicht, Amérys Leben und Tod – Améry beging nach einem ersten gescheiterten Versuch 1978 Selbstmord – einen Sinn abzuringen. Doch die Begriffe echec und Dignität sind ein hilfreiches Instrument, die biografischen „Knoten“ zu entknüpfen, die Heidelberger-Leonard in Amérys Geschichte ausmacht. Dabei ist die sprachliche Eigenwilligkeit der Biografin ihrem Gegenstand nachempfunden.

Ein „Knoten“, in den sich bereits der junge Améry verkeilt, ist seine Identität. 1912 geboren und zwischen dem winterlichen Dorfidyll in Bad Ischl und der „Weltläufigkeit“ der Wiener Sommer pendelnd, nimmt das behütete, etwas kränkelnde Kind Hans Mayer früh Anstoß an der Gewöhnlichkeit seines Namens (das Anagramm Améry prägt er erst 1955). So sehr sich Hans an seine geliebte bäuerliche Umgebung anpassen will, so sehr bemüht sich der von einer weiblichen Umgebung zu guten Manieren und ordentlicher Sprache angehaltene Kriegswaise (Amérys Vater fiel 1917) um Distinktion. Er gilt als „belesen, frühreif und altklug“, feixt über den Dorflehrer – und scheitert dennoch als Schüler. Das literarische Erstlingswerk „Die Schiffbrüchigen“, das der junge Nobody Mitte der Dreißigerjahre an Thomas Mann zur Begutachtung schickt, wird mit nichtssagenden Worten zurückexpediert. Nie wird es der hochgebildete Autodidakt Améry verwinden, auf dem Gymnasium versagt und keine akademische Ausbildung genossen zu haben. Der Stachel sitzt so tief, dass er nach dem Krieg gelegentlich mit einem Doktortitel hochstapelt. Vielleicht war Améry deshalb so stark auf das Echo von außen angewiesen; sein Ausbleiben wirkte vernichtend auf ihn.

Überdies macht es die antisemitisch gestimmte Heimat dem mittellosen Buchhändlerkommiss, der im „roten Wien“ untergeschlüpft ist und dort Anschluss an den „Wiener Kreis“ gefunden hat, nicht leicht. Das vage Bewusstsein, „a Saujud“ zu sein, wird nach dem „Anschluss“ Österreichs zu einer existenziellen Bedrohung. Die langjährige Assimilation war umsonst. Mit der Heirat der Jüdin Renate Berger bekennt sich Améry, der seine jüdische Identität bislang kaum zur Kenntnis nahm, wieder zur jüdischen Gemeinde.

Doch die Hoffnung, in Österreich „zu überwintern“, erfüllt sich nicht. 1938 flieht Améry mit seiner Frau in das mit Juden überfüllte Antwerpen. Heimatlosigkeit wird zum Elixier seiner künftigen Existenz: „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“, wird Améry später schreiben. „Wir hatten aber nicht das Land verloren, sondern mussten erkennen, daß es niemals unser Besitz gewesen war.“ Améry wird zeitlebens Exilant bleiben, denn „in a Wirtshaus, aus dem ma aussigschissn worn is, geht ma nimmer eini“.

Schlimmer noch empfindet Améry am 23. Juli 1943 die Hilflosigkeit, als er in der belgischen Festung Breendonck von Nazischergen misshandelt wird nachdem seine Widerstandsgruppe aufgeflogen ist. „Die Tortur“ wird zur leitmotivischen Figur in Jean Amérys Werk. Der real dem Körper zugefügte Schmerz und der damit einhergehende „Verlust des Weltvertrauens“ zwingen Améry zum ultimativen Einspruch gegenüber allen imaginativen Manifestationen: „Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert“ und „waffenlos der Angst ausgeliefert“.

Dagegen erscheinen Améry die sich an Breendonck anschließenden 652 Tage in den Konzentrationslagern Auschwitz (wo er wegen seiner Schreibkenntnisse im Außenlager der Buna-Werke überlebt und dort Primo Levi kennen lernt), Dora-Mittelbau und Bergen-Belsen vergleichsweise als gnädig. Die Folter bedrohte seine Identität, sie meinte ihn als Person und löschte ihn aus; die Lagererfahrung war „Massenschicksal“, auch wenn, wie Améry später wiederholt feststellte, auch hier der Körper über den Geist triumphierte. Es überstanden zu haben, empfand er wie viele KZ-Überlebende als Makel und Schuld.

Nach Antwerpen zurückgekehrt, lebt Améry zunächst notdürftig von journalistischen Arbeiten. Seine Frau ist verschollen, es dauert Jahre, bis er von ihrem Tod erfährt. Er ist verzweifelt, weiß keinen Weg in die Zukunft. Er spricht perfekt Französisch und schreibt auf Deutsch, er ist Journalist, Essayist und will, wie schon in seiner Jugend, eigentlich Schriftsteller sein. Doch vor allem ist er ein „Berufs-Auschwitzler“, der mit Primo Levi und anderen darum konkurrieren muss, die wie einen „Gral“ gehütete Lagererfahrung am „authentischsten“ zu vertreten. Doch im Gegensatz zu Levi ist Améry, obwohl auch er die Deutschen nach dem Krieg zunächst noch für „besserungsfähig“ hält, kein guter „Verzeiher“. Das Ressentiment, dessen er die Deutschen verdächtigt, bleibt auch das seine.

Und er beharrt auf der präzisen Unterscheidung von Tätern und Opfern, lehnt alle relativierende Täterpsychologie ab. Seine Abwehr gegen die Simplifizierung der Tat („Banalität des Bösen“) oder deren dialektische Auflösung bringt ihn in Konflikte: Nicht nur mit dem Leidensgenossen Levi, sondern auch mit Hannah Arendt oder Theodor W. Adorno. Die eine zeiht er, in „einem gläsernen Käfig“ zu sitzen, den „Jargon der Dialektik“ verwirft er dagegen als „Allüre des Denkens“, dem die „Furcht vor der Banalität“ im Nacken sitze. In Amérys nachgelassenen „Aufsätzen zur Philosophie“ finden sich messerscharf gedachte, sprachlich brillante und nach wie vor erkenntnisträchtige Preziosen deutscher Essayistik.

Schwerer als der Neid auf die Ausstrahlung der „Frankfurter Schule“ wiegt die Kränkung, dass ihn die französische Geisteselite nicht zur Kenntnis nehmen will (die französische Rezeption Amérys setzt erst in den 90er Jahren ein). Dem Idol des Existenzialismus verdankt Améry den philosophischen Ausweg aus der Krise, die Selbsterschaffung als Mensch. Noch nach der Veröffentlichung von „Jenseits von Schuld und Sühne“, die Améry schlagartig bekannt und zum gefragten Essayisten macht, arbeitet er sich am Vorbild Sartre und am französischen „Antihumanismus“ ab. Gegen ihn bringt Améry unbeirrt den „quälbaren Leib“ in Anschlag. Es ist nicht nur die Foltererfahrung; der schwer herzkranke Améry weiß um die Anfechtungen des Körpers, dieses „Wohnhaus grimmer Schmerzen“.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt bündelt Améry noch einmal alle Kräfte, will sich, unterstützt von seiner zweiten Frau Maria Leitner, nun endlich als Schriftsteller durchsetzen. Die beiden Roman-Essays „Lefeu oder der Abbruch“ und „Charles Bovary, Landarzt“ werden von der Kritik jedoch nur verhalten aufgenommen; sie weiß mit diesem neuen, die Gattungsgrenzen sprengenden Genre nichts anzufangen. Heidelberger-Leonard deutet dieses zweite Scheitern als Erzähler als „auslösendes Moment“ für Amérys Entscheidung für den Freitod. Doch Amérys lebenslange Faszination für den Suizid, darauf insistiert seine Biografin, war nicht so blind, als dass er nicht gewusst hätte, dass nur die Entscheidung, nicht das Resultat „Freiheit“ verspricht.

Irene Heidelberger-Leonard: Jean Améry. Revolte in der Resignation. Biographie. Klett-Cotta, Stuttgart 2004. 408 S., 24 €. Drei Bände der Améry-Werkausgabe sind bereits im gleichen Verlag erschienen.

Am Donnerstag, den 2.12. um 20 Uhr findet in der Literaturwerkstatt Berlin (Knaackstr. 97) ein Jean Améry-Abend statt: mit Jan Philipp Reemtsma, Joachim Kersten, Irene Heidelberger-Leonhard und Wilfried F. Schoeller.

0 Kommentare

Neuester Kommentar