Kultur : Jenseits von Schweden

Grandioses Debüt: Felix Gebhard und seine Folkrock-Balladen

Christian Schröder

Die Angst des Auftaktentertainers bei Konzertbeginn: Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein. Als ein baumlanger, bärtiger Jeans-und-T-Shirt-Typ mit umgehängter Akustikgitarre ans Mikrofon tritt, verlieren sich in der Nacht zu Donnerstag gerade einmal zwei, drei Dutzend Besucher im Kato, einem Club, der in den Kreuzberger U-Bahnhof Schlesisches Tor hineingebaut ist. Der Gitarrist muss nicht nur gegen das regelmäßige Rumpeln der Waggons anspielen, sondern auch gegen das Desinteresse des Publikums, das gekommen ist, um die New Yorker Krachband Walking Concert zu sehen, die Hauptattraktion des Abends. Mit Krach kann Felix Gebhard nicht dienen, stoisch rollen die Akkorde aus seiner Lagerfeuergitarre, perlend zupft er einige helle Obertöne. Doch spätestens als er im Refrain des zweiten Songs mit geschlossenen Augen die Magie eines Sonnenuntergangs beschwört, ersterben die Gespräche und das Bierflaschengeklimper. Der Saal lauscht gebannt.

„Es kann sich sehr einsam anfühlen, wenn einem eine akustische Mauer entgegenschlägt“, erzählt Gebhard im Interview. „Ich brauchte lange, um mich von der Angst zu befreien, dass mir keiner zuhört.“ Gebhard ist Singer/Songwriter, man könnte auch sagen: moderner Bänkelsänger. Gerade absolviert er im Vorprogramm von Walking Concert eine Ochsentour durch die Republik: gestern Hamburg, heute Berlin, morgen München. Im nächsten Jahr will er 150 Konzerte geben, dann aber mit seinem eigenen Projekt Home Of The Lame als Hauptattraktion.

Wie euphorisierend diese Nächte auf mitunter winzigen Bühnen und wie öde die endlosen Tage im Tourbus sein können, lässt sich gerade in dem Film „Keine Lieder über Liebe“ besichtigen, in dem Jürgen Vogel mit der fiktiven Hansen Band durch die Provinz tingelt. Gebhard ist der Bassist der Hansen Band, im Kino und in den Konzerten, die nach Drehschluss auch außerhalb der Film-Illusion stattfanden. Die Gruppe rekrutierte sich aus dem Talentpool von Gebhards Hamburger Label Grand Hotel Van Cleef, das mit dem Erfolg seiner Formationen Tomte und Kettcar zur „besten Adresse für alternativen deutschen Gitarrenpop“ („Der Spiegel“) aufgestiegen ist. „Da war halt nur noch der Bass frei“, sagt der Multi-Instrumentalist.

„Here, Of All Places“ heißt das Album von Home Of The Lame, das heute bei Grand Hotel erscheint. Es ist eines der aufregendsten Debüts des Popjahres, gerade weil es sich um die Trends dieses zu Ende gehenden Jahres keinen Deut schert. Schon der Name dieser Band wirkt in einer Zeit, in der Gruppen wie Maximo Park oder Bloc Party wieder einmal Lautstärke und Schnelligkeit als ultimativen Ausdruck adoleszenter Wut entdeckt haben, wie eine Provokation. Gebhard erweist sich mit Home Of The Lame als ein Meister der Entschleunigung. Sanft und elegisch fließen die Melodien vor sich hin, warm brummt in „Rooftops“ und „Okay“ eine Hammondorgel, in „The Camper“ summen Backgroundchöre und panflötenartige Synthies, in „Mirror Mirror“ heult eine Steelgitarre auf.

Das Coverfoto – zeigt einen Sonnenuntergang über einer Spätsommerwiese. Die Melancholie eines Sommerendes auf dem Lande liegt auch über den zehn Folkrockstücken dieser Platte. „Tack till mina Vänner i Malmö“ steht in den Linernotes: Dank an meine Freunde in Malmö. Entstanden ist „Here, Of All Places“ in zweiwöchiger Klausur in einem südschwedischen Dorf namens Uppakra, das – so Gebhard – aus „einer Kirche, einer ehemaligen Schule und ein paar Häusern“ besteht. Der Produzent Carl Granberg und alle Gastmusiker waren Schweden, das rundum holzverkleidete Studio befand sich im Giebel der ehemaligen Schule. Um Brot zu kaufen, musste Gebhard zweistündige Radfahrten auf sich nehmen.

Vielleicht ist es dieser Weltabgeschiedenheit zu verdanken, dass das Album so zeitlos wirkt. Die countryeske Wehmut erinnert an „Harvest“ und andere akustische Platten von Neil Young, auch an „Songs From The Big Pink“, das in einer ehemaligen Scheune aufgenommene Debüt von The Band. Mit ähnlich reifen Singer/Songwriter-Balladen hatte im Frühjahr Conor Oberst für Furore gesorgt, dessen Band Bright Eyes in dem Kaff Omaha, Nebraska beheimatet ist. Der beste Pop, so scheint es, kommt derzeit aus der Peripherie. Der 31-jährige Felix Gebhard hat der Liebe wegen vier Jahre in Schweden gelebt. Inzwischen ist er nach Hamburg zurückgekehrt. „Clouds“ heißt sein Abschiedslied. „These clouds I wish that they would rain“, singt er da. Regnen soll es, damit niemand seine Tränen sieht.

Home Of The Lame: Here, Of All Places (Grand Hotel Van Cleef)

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