Kultur : Jenseits von Stalingrad

Das Hollywood-Gesetz: Deutsche Filme, die Oscars gewinnen, müssen wohl mit den Nazis zu tun haben

Harald Martenstein

Was ist überhaupt ein deutscher Film? Woran könnte man ihn erkennen, auch ohne Ton? Bei den Franzosen ist es einfach. Französische Filme haben als stilistische Spezialität die Dialoge. Es geht um Liebe und sie bewegen dabei ununterbrochen den Mund. Die Engländer haben es inhaltlich mit den Milieus und den sozialen Klassen, es sind Proletarierfilme oder Upper-Class-Filme. Die Italiener erkennt man an den Typen - besonders schrullige Regisseure, besonders schöne Darsteller. Klar, das alles ist klischeehaft, aber es stimmt tatsächlich, im Großen und Ganzen jedenfalls.

Deutsche Filme sind manchmal gut, manchmal weniger gut, sie haben vom allem ein bisschen was, aber nicht allzu viel, sie besitzen kein internationales Markenzeichen. Außer dem Nazi-Ding.

In Hollywood haben sie entschieden: Die deutsche Spezialität ist das Nazithema. Nazis können sie am besten. Unsere Ausbeute sieht folglich so aus: 2003, Oscar für „Nirgendwo in Afrika", von Caroline Link. Eine Frau und ihre Familie, Flüchtlinge, in der Nazizeit. 1979: Oscar für „Die Blechtrommel", Volker Schlöndorff. Ein Kind in der Nazizeit (und davor, und danach). 1982: Kein Oscar, aber sechs Nominierungen für „Das Boot", Wolfgang Petersen. Männer in der Nazizeit. Wenn man großzügig ist, kann man noch 1981 dazurechnen. Oscar für „Mephisto", István Szábo, deutsch-ungarische Koproduktion, deutsche Romanvorlage. Künstler und Schwule in der Nazizeit. Es läuft mit den deutschen Oscarfilmen ganz ähnlich wie mit den Fernsehserien von Guido Knopp, sie arbeiten nach und nach sämtliche Aspekte des Themas ab. Alte und Nazis, Jugendliche und Nazis, heterosexuelle Singles und Nazis, Alleinerziehende und Nazis sowie Patchwork-Familien und Nazis sind noch frei. Nachdem es bei „Aimée und Jaguar" mit einem Oscar nicht geklappt hat, könnte man es theoretisch auch auf der Lesbenschiene noch mal probieren.

Die Faszination des Oscars beruht auf einer ähnlichen Grundlage wie die Anziehungskraft des Fußballs: Man kann nichts vorhersagen, der Ungerechtigkeit sind Tür und Tor geöffnet. Meistens gewinnen die Favoriten, aber nicht immer. Die Topteams und Schönspieler verlieren manchmal gegen Außenseiter. „Die Blechtrommel" hat den Oscar gekriegt, „Citizen Kane" nicht. „Citizen Kane“, das Brasilien unter den Filmen. Welches Jahr das ungerechteste war? Vermutlich 1980. Am Start: „Die letzte Metro" von Truffaut, „Kagemusha" von Kurosawa, „Mon oncle d’Amérique" von Resnais. Aber der Sieger hieß ausgerechnet „Moskau glaubt den Tränen nicht", ein Sowjetschmachtfetzen von Wladimir Menshow, dem Berti Vogts unter den damals antretenden Regisseuren.

In unserem Ruhmesjahr 1979 hieß der große Sieger „Kramer gegen Kramer", das Scheidungsmelodram mit Meryl Streep und Dustin Hoffman. Der große Verlierer hieß „Apocalypse now". Außer Schlöndorff waren als bester Ausländer „Eine einfache Geschichte" von Claude Sautet und mit Romy Schneider nominiert, dazu Filme von Carlos Saura und Andrzej Wajda. „Ein Käfig voller Narren" aus Frankreich hatte Nominierungen in drei Kategorien, bekam aber nichts.

Im Vorjahr, 1978, hatten die Deutschen es schon einmal unter die Nominierungen geschafft, mit „Die gläserne Zelle" von Heinz W. Geissendörfer, dem späteren Erfinder der „Lindenstraße". „Die gläserne Zelle" ist ein guter Film, aber ein Krimi nach einer Vorlage von Patricia Highsmith, ohne Nazis. Ein Architekt landet unschuldig im Gefängnis. Für Filme, in denen ein Deutscher an irgendwas unschuldig ist, war die Welt noch lange nicht reif. Gewonnen hat „Frau zu verschenken", ein typisch französischer Liebes-und Rede-Film von Bertrand Blier.

Nur Afrikafilme mit Deutschen funktionieren wie durch ein Wunder auch ohne Nazihintergrund. 1976 ist der Auslandsoscar an „Sehnsucht nach Afrika" gegangen, eine französisch-deutsch-schweizerische Koproduktion, Thema: Der Erste Weltkrieg in Afrika, ein Gegenstand, der sich ohne deutsche Beteiligung nicht befriedigend behandeln lässt. Regisseur war der damals blutjunge Jean-Jacques Annaud. „Jenseits von Afrika", dies nur zur Erinnerung, spielt mehr im dänisch-britischen Tiertotschießer-Milieu. Der erste deutsche Triumph aber, lange vor Schlöndorff und Link, fand 1960 statt. Bester Dokumentarfilm, als Vorgänger von „Bowling for Columbine“: „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek.

Aus all dem folgt, erstens: Ein deutscher Afrikafilm mit NS-Hintergrund muss für die Academy das Größte überhaupt sein, nämlich die Mischung aus Schlöndorff und Grzimek. Zweitens: Man kann den Oscar tatsächlich mit einer Fußball-Weltmeisterschaft vergleichen. Einerseits ist das Ergebnis zumindest teilweise zufällig, fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen unterworfen, künstlerisch eher unwichtig, es entzieht sich jeder ernsthaften Betrachtung. Andererseits - die Leute interessieren sich dafür, und es geht um einen Haufen Geld.

„Lola rennt“ war in den USA einigermaßen erfolgreich, für den Oscar aber ist Tom Tykwer 1999 nicht einmal nominiert worden. Keine Nazis, Pech gehabt! Auch „Bella Martha“ ist in den USA ein kleiner Hit. Ohne Nazis, keine Chance! Insofern war es ein Hoffnungszeichen, als Steve Martin in seiner Moderation der Oscar-Show 2003 einen Witz auf Kosten der Deutschen machte. „So viele Leute haben mir bei der Vorbereitung dieses Abends geholfen! Nur meine französischen und deutschen Freunde nicht.“ Für einen Moment schien die Utopie zum Greifen nah - vielleicht fangen sie in Hollywood an, die Deutschen für undankbar, für Pazifisten, für Feiglinge, für schrullig oder einfach für Deppen zu halten. Jede dieser Einschätzungen wäre ein wenig zu streng und stark vereinfachend, aber jede käme trotzdem der deutschen Wirklichkeit näher als das Nazi-Ding. Wir nehmen das gerne an. Wir haben dann zwar kein exklusives Markenzeichen mehr, aber bei den Kanadiern geht es ja auch ohne.

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