Jeppe Hein im Kunstmuseum Wolfsburg : Comeback und Katharsis

Träumen, schmecken, Yoga machen: Der Berliner Künstler Jeppe Hein erfindet sich nach einem Burnout neu. Das Ergebnis zeigt er jetzt im Kunstmuseum Wolfsburg.

Johannes Metternich
Befreit. Jeppe Hein in seiner Installation „Cage and Mirror“ (2011) in der Wolfsburger Ausstellung „This Way“.
Befreit. Jeppe Hein in seiner Installation „Cage and Mirror“ (2011) in der Wolfsburger Ausstellung „This Way“.Foto: Marek Kruszewski

Das Jahr 2009 läuft für Jeppe Hein wie am Schnürchen. Der dänische Bildhauer eröffnet Ausstellungen in Seattle, Paris und Hiroshima, hält Kunstvorlesungen in Vancouver und Tokio, feiert fast so viel wie er arbeitet. Mehr als hundert Flüge absolviert er im Jahr – bis zu einem Abend im Dezember, als ihn im Flieger plötzlich eine Panikattacke niederringt. Burnout, so die Diagnose, die ihn zum sofortigen Rückzug zwingt.

Hein kommt in der ländlichen Stille seiner dänischen Heimat zu sich und taucht ein in die buddhistische Spiritualität. Arbeitsorgien und Jetset tauscht er ein gegen Meditation und Yoga. Darüber findet er schließlich wieder zurück zur künstlerischen Arbeit. Sechs Jahre nach seinem Zusammenbruch stellt Jeppe Hein, der mit seiner Familie mittlerweile in Berlin lebt, nun im Kunstmuseum Wolfsburg unter dem bezeichnenden Titel „This Way“ Werke dies- und jenseits seiner Katharsis in seiner bislang größten Einzelausstellung gegenüber.

Und er kann es kaum erwarten, den Besuchern von seiner Verwandlung zu erzählen. Mit neonleuchtenden Slogans auf mattspiegelndem Grund – „You are right here right now“ oder „All we need is inside“ – beschwört er Entschleunigung und Innerlichkeit. Sprudelnd hält er den Betrachter an anderer Stelle in einer strahlenden Wortkaskade zum „träumen, schmecken, Yoga machen“ und vielen weiteren sinnlichen Tätigkeiten an. Sein eigenes Inneres kehrt er in mehr als dreitausend Aquarellen nach außen. Sie bedecken die Seitenwände der Ausstellungshalle fast vollständig. In ihnen hält der Berliner Künstler Erinnerungsfetzen aus Träumen fest, flüchtige Gedanken aus dem Alltag, Notizen über sein Befinden oder auch bloß seinen Atem, als meditative Studie abgebildet in gleichmäßigen Pinselstrichen. Zusammen bilden sie ein riesiges, farbenfrohes Tagebuch, das Heins Seelenwelt nach seinem Zusammenbruch illustriert und in der Ausstellung allgegenwärtig ist. Der 41-jährige Künstler konfrontiert den Betrachter auf diese Weise unausweichlich mit der Erfahrung seines Burnouts, entgeht aber trotzdem der Gefahr der Koketterie. Aus den Exponaten dringt kein verhohlener Stolz auf die so verhängnisvolle Getriebenheit, keine eitle Wehleidigkeit, die den edlen Leidenden überhöhen würde, noch nicht mal ein augenzwinkerndes „War doch halb so schlimm“.

Jeppe Heins leuchtende Sinnsprüche und bunte Aphorismen mögen zwar manchmal etwas platt, gar albern anmuten, so spricht aus ihnen doch immer ein fast kindlicher Ernst. Die Aquarelle umschließen ein Dickicht aus Installationen und Skulpturen im Innern der Halle, nicht linear angelegt, sondern als Labyrinth aus Korridoren und Räumen und durch drei verschiedene Eingänge zugänglich. Der Ausstellungstitel „This Way“ bekommt hier noch einmal seine eigene Bedeutung. Ältere Werke Heins gewinnen, umgeben von den Dokumentationen seines burnoutgeplagten Innenlebens, neue Deutungsmöglichkeiten, wie die kolossale Eisenkugel in der Installation „360° Presence“ aus dem Jahr 2002 etwa. Eingeschlossen in ihrem Ausstellungsraum rollt sie aus eigenem Antrieb mit unerschöpflicher Energie wild umher und demoliert dabei die Wände. Ihrem Gefängnis entkommt sie aber dennoch nicht. Die neueren Arbeiten Heins sind da betont entspannter: Für die „Frequency Watercolours“ verspritzt der Künstler Wasserfarben aus randvoll gefüllten Klangschalen ringsum auf Aquarellpapier und schafft so spontane Amalgame aus Farbsprenkeln.

Auch die zahlreichen Arbeiten mit Spiegeln, die Hein vor seinem Burnout schuf, scheinen gut zu seinem neu eingeschlagenen Weg zu sich selbst zu passen. Zwei riesige rotierende Spiegelflügel von 2007 oder ein kreisförmiger Garten aus Spiegellamellen aus dem gleichen Jahr etwa füllen ganze Räume mit zahlreichen Duplikationen des Besuchers, der sich selbst in den verschiedensten Winkeln gegenübersteht. Unter die bloße Oberfläche dringt eine andere Installation, die per Pulsmesser ein Wasserglas im Takt des Herzschlags anschlägt und die Schwingungen des Wassers auf einer Leinwand visualisiert. Auf der „Smoking Bench“ von 2002 hingegen sieht der Betrachter sein Spiegelbild langsam in einer Nebelwolke verschwinden.

Permanent konfrontiert die Ausstellung den Besucher so mit sich selbst, ohne jedoch dabei zu penetrant zu werden. Dafür sorgt allein die Vielfalt und die Action der Kunstwerke. Jeder Raum eröffnet eine weitere Installation, in denen plötzlich Feuer aus der Wand schießt, Wasserstrahlen zu Käfiggittern werden oder mysteriöse Düfte in der Luft hängen – und Heins Selbstfindungsparcours zum Abenteuerspielplatz wird.

Kunstmuseum Wolfsburg, Wolfsburg. bis 13. März; Di-So 11-18 Uhr

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