Jerusalemer Buchmesse : Als wär’s ein Endspiel

Frieden stiften auch die Dichter nicht: Die Jerusalemer Buchmesse ist ein Spiegel der Politik

Ernst Piper

Anfang November letzten Jahres kam ein Rundschreiben. Die Internationale Buchmesse in Jerusalem, die jedes zweite Jahr im April stattfindet, sei verschoben auf Ende Juni. Offenbar wollte man dem bereits drohenden Irak-Krieg ausweichen, und das schien eine kluge Entscheidung. Inzwischen wissen wir, dass es im Aufsichtsrat der Messe auch Stimmen gab, sie gleich um ein ganzes Jahr zu verschieben. Wie sich jetzt gezeigt hat, wäre das noch klüger gewesen. Nur wenige Besucher verirrten sich zu den verbliebenen Buchständen in den zumeist gespenstisch leeren Hallen. Schon vor zwei Jahren hatte man die Messe um einen Tag verkürzt und außerdem auf Eintrittsgelder verzichtet, um auch Einheimische in das Jerusalem Convention Center zu locken. Nun blieben sie trotzdem aus, denn die Israelische Buchwoche – für die Verleger des Landes das wichtigste Ereignis des Jahres – war erst letzten Sonnabend zu Ende gegangen. Sie bringt Hunderttausende auf die Beine, zumal man dort Bücher mit Rabatt erwerben kann.

Wie auch sonst Israels Wirtschaft hat das Buchgewerbe unter der zweiten Intifada schwer zu leiden. Eine Reihe von Verlagen konnte nur durch Fusionen überleben. So sind etwa die beiden großen Verlage der Kibbutz-Bewegung zu einem Unternehmen zusammengeschlossen, ebenso die angesehenen literarischen Häuser Kinneret und Zmora Bitan, die auch mit zwei Buchhandelsketten verbunden sind, die ihrerseits fusionieren mussten. Der Buchhandel hat zudem unter dem Ausbleiben der Touristen zu leiden. Dennoch sind im traditionellen Land des Buches immer noch erstaunliche Erfolge möglich. So erreichen neue Romane von A.B. Yehoshua, Amos Oz oder Zeruya Shalev Auflagen bis zu 100000 Exemplaren. Selbst eine anspruchsvolle Autorin wie die Postzionistin Orly Castel-Bloom hat von ihrem neuen Buch bereits 6000 Exemplare verkauft.

Diese Zahlen sind bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass es nicht mehr als schätzungsweise eine Million Leser unter den etwa 6,5 Millionen Bewohnern gibt. Denn die Ultraorthodoxen, die ausschließlich religiöse Literatur konsumieren, fallen hier als Käufer ebenso aus wie der größte Teil der arabischen Israelis. Dazu gibt es viele russische Einwanderer, deren Hebräisch-Kenntnisse nicht ausreichen, und auch in Israel ist ein Teil der jüngeren Generation vor allem auf audiovisuelle Medien fixiert.

Um so wichtiger ist ein Ereignis wie die Israelische Buchwoche für die gesamte Branche. Und entsprechend unlustig sind die Verleger, wenn sie zwei Tage später in Jerusalem schon wieder auf eine Messe gescheucht werden. Doch hatte die Jerusalemer Messe einst den Anspruch, nach Frankfurt die zweitgrößte der Welt zu sein. Und ausländische Besucher kamen gerne. Ohne das Korsett enger Terminpläne konnte man in südlicher Landschaft inspirierende Gespräche führen und von Yehuda Amichai über David Grossman bis Shimon Peres bedeutende Schriftsteller und Intellektuelle ohne das in Europa oder Amerika übliche Mediengetümmel treffen. Das Fellowship-Programm, der einzige Teil der Messe, der heute noch funktioniert, brachte über die Jahre mehr als 200 jüngere Verlagsleute aus allen Kontinenten nach Jerusalem, für die diese Reise nicht selten die erste in das Ursprungsland des Buches der Bücher war. Nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation kamen die neuen Privatverleger aus Osteuropa, und nach den Friedensverträgen mit Ägypten und Jordanien waren auch die Vertreter einiger arabischer Länder auf der Jerusalem Book Fair zu sehen. Starke Delegationen waren immer aus den USA und aus Deutschland gekommen, den Ländern, die Israel besonders verbunden sind. Doch inzwischen regiert überall der Rotstift. Selbst Frankfurt, der Konkurrenz der London Book Fair zum Trotz immer noch die Nummer Eins in der Welt, kämpft mit rückläufigen Ausstellerzahlen. In Jerusalem sprach man jetzt von etwa 600 teilnehmenden Verlagen (etwa ein Zehntel von Frankfurt); tatsächlich hatten wohl weniger als 100 einen eigenen Auftritt – aus Deutschland dominierten dabei die Verlage der Holtzbrinck-Gruppe.

Schon vor zwei Jahren hatte die Jerusalemer Messe im Schatten der zweiten Intifada in gedämpfter Stimmung stattgefunden. Es war deutlich weniger Publikum gekommen. Aber viele Verleger hatten der Messe aus alter Sympathie die Treue gehalten. Doch die ökonomischen Realitäten lassen heute oft keinen Raum mehr für Akte der Sympathie. Die Messe beanspruchte diesmal allenfalls noch ein Viertel des Raumes, den sie in ihrer Hochzeit einmal eingenommen hat. So wirkte die gesamte Veranstaltung mitunter gespenstisch.

Symptomatisch war, dass Teddy Kollek, der Vater der Messe, der auch nach seiner Abwahl als Bürgermeister immer zur Eröffnung gekommen war und sich hatte feiern lassen, dieses Jahr erstmals nicht erschien. Kollek hatte die Messe stets auf Englisch eröffnet. Jerusalems neuer Bürgermeister, der Ultraorthodoxe Uri Lupolianski, aller Fremdsprachenkenntnisse bar, sprach Hebräisch und ließ seine Eröffnungsrede auch nicht übersetzen, so dass ihr Inhalt den meisten Adressaten unbekannt blieb.

Höhepunkt der Messe war normalerweise die Verleihung des Jerusalem Preises, in den letzen Jahren mit den Preisträgern Jorge Semprun und Susan Sonntag besonders eindrucksvoll. Dieses Jahr galt die Auszeichnung dem Dramatiker Arthur Miller, der sich aber mit seinen fast 88 Jahren den Flug über den Atlantik nicht zumuten wollte. Das letzte gesellschaftliche Glanzlicht der Messe sollte nun ein Empfang des verdienstvollen Messedirektors Zev Birger sein. Doch weil erst vor kurzem Birgers Frau Trudi, wie er eine Holocaustüberlebende, gestorben ist, entfiel auch dieses Ereignis.

Die israelische Gesellschaft ist noch immer eine Gesellschaft im Krieg. Ein sich verstärkendes Klima der Illiberalität scheint in solchen Zeiten fast unvermeidlich. Israels führende Tageszeitung „Haaretz“, die der von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Familie Schocken gehört, muss sich fast täglich Anfeindungen gefallen lassen, weil ihre Korrespondentin Amira Hass nach wie vor im Gazastreifen lebt und von dort berichtet. Vielleicht erfüllen sich die mit der „Road Map“ verbundenen Friedenshoffnungen. Die Jerusalemer Buchmesse könnte dann eine flankierende Funktion haben, wenn es ihr gelingt, einen Beitrag zum notwendigen Dialog der Kulturen zu leisten. Nur mit business as usual wird die Messe nicht zu retten sein.

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