Jess Franco : Teufelsritt zum Rio Amore

Später Ruhm: Das Instituto Cervantes in Berlin ehrt den spanischen Trash-Regisseur Jess Franco mit einer Retrospektive.

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Muse des Meisters. Soledad Miranda in „Der Teufel kam aus Akasava“.
Muse des Meisters. Soledad Miranda in „Der Teufel kam aus Akasava“.Foto: Babylon Berlin

Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Diese Spruchweisheit aus neutestamentarischer Zeit trifft auf Jess Franco unumwunden zu. Seit 1957 dreht er im Schnitt vier Filme pro Jahr und gilt daher als produktivster Regisseur der Welt. Doch musste der Spanier erst 78 Jahre alt werden, bevor ihm die Anerkennung der Filmwelt zuteil wurde: 2008 wurde Franco mit der ersten großen Werkschau einer offiziellen Kulturinstitution geehrt, allerdings nicht in Spanien, sondern in der Cinémathèque Française.

Kurz nach der Schau im Pariser Panthéon der Filmgeschichte erhielt er mit dem Ehren-Goya den höchsten Filmpreis Spaniens: für sein Lebenswerk. Dass nun das spanische Kulturinstitut den 1930 als Jesús Franco Manera geborenen Sohn Madrids mit einer Retrospektive in Berlin ehrt, darf man als Spätfolge dieser Würdigung verstehen. Über der Eröffnung in Anwesenheit des Maestros im Babylon-Kino im Kreise seiner Verehrer am Wochenende in Berlin-Mitte lag denn auch eine Stimmung der Genugtuung. Denn lange bevor die Kulturszene den großen Verkannten für sich entdeckte, waren es Fans und Sammler aus aller Welt, die sein Werk katalogisierten und die verborgenen Feinheiten und Genre-Spezifika filmografisch erschlossen. Die offizielle Kunstwelt ging peinlich berührt über das als Schmuddelkino gescholtene Gesamtwerk hinweg.

Die Gründe dafür macht der Eröffnungsfilm der Berliner Retrospektive deutlich. Der 1969 mit Christopher Lee frei nach Motiven des Marquis de Sade gedrehte Film „Eugenie“ kam in Deutschland unter dem sprechenden Titel „Die Jungfrau und die Peitsche“ in die Kinos. Teils in Berlin produziert, kommt der Erotikthriller schnell zur Sache: Nach wenigen Minuten fallen die ersten Hüllen, dann fließt Filmblut. In dem in dunkelroten Schattierungen wabernden Bilderkino kommen aber weder Voyeure noch Freunde der spannenden Unterhaltung so so ganz auf ihre Kosten. Surreale Bilder verwischen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, Sex und Gewalt zu einer befremdlichen Komposition zwischen Horror und Erotik, die mit quälender Langsamkeit den Sehgewohnheiten des Nachkriegskinos trotzt.

Manche halten Francos Bildsprache denn auch für pure Kunst. Wenn die Improvisationsästhetik jüngerer Produktionen wie „Killer Barbies versus Dracula“ (2002) selbst hartgesottene Trash-Fans enttäuschten, so gibt zumindest das Frühwerk zu Wegbereiter-Thesen Anlass. Manche Filme nehmen auf unbeabsichtigte und visionäre Weise die bisweilen ähnlich befremdliche Ästhetik der Videokunst der 80er und 90er vorweg. Verfremdungs-Effekte wie ein zusammenhangslos in den Soundtrack gemischtes Babyschreien erwecken noch heute ratloses Erstaunen. Mehr als die Filme werden daher auch die teils lasziv durchgestöhnten Soundtracks mit ihren psychedelischen Sitar-Klängen geschätzt. Die Filmmusik von „Vampyros Lesbos“ (1970) fand Eingang in die Remixe der Clubkultur und deutsche Trash-Filmer wie Jörg Buttgereit oder Christoph Schlingensief sind unübersehbar von Francos Bildsprache beeinflusst. Auch sie sind längst von der Hochkultur eingemeindet.

Die Werkschau unter dem etwas anbiedernden Titel „Back to Berlin“ – trotz Kooperationen mit Atze Brauner und einigen Drehs vor Ort wie „Necronomicon“ (1967) lässt sich Franco schwerlich zum Berliner erklären – bietet die seltene Gelegenheit, die Werke auf großer Leinwand zu sehen, teils in ungekürzten Director’s Cuts. In Abstimmung mit dem Künstler wurden 38 Filme ausgewählt, eine stolze Zahl für eine Retrospektive, aus Francos Gesamtschaffen hingegen nur ein Bruchteil. Die Gesamtproduktion umfasst nicht weniger als 208 Filme, über die genaue Zahl streiten die Experten. Manche Filme kamen unter unterschiedlichen Titeln neu ins Kino: der mittlerweile zum Klassiker geadelte Monsterschinken „Dracula versus Frankenstein“ ist auch als „Die Nacht der offenen Särge“ aktenkundig. Zudem kursieren Versionen, die skrupellose Produzenten nachträglich mit Hardcore-Szenen für die Bahnhofskinos angereichert haben sollen – angeblich gegen das Kunstverständnis des Meisters. Der war sich sonst für kaum eine Abwegigkeit zu fein und drehte Titel wie „Der Todesrächer von Soho“, „Die blonde Göttin der Kannibalen“ oder „Die nackten Superhexen vom Rio Amore“.

Dass Francos „außergewöhnliche und fieberhafte Karriere“, wie es Señor Peral, der Direktor des Instituto Cervantes, diplomatisch ausdrückt, nicht mehr nur die Zensurbehörden beschäftigt, sondern inzwischen auch die Kuratoren, freut vor allem den kleinen Kreis der Berliner Verehrer. Im Babylon empfing den 82-Jährigen ein warmer Applaus. Auch wenn der Sprechvorgang dem Rollstuhlfahrer hörbar Mühe bereitet, so besticht der polyglotte Plauderer noch stets durch Eloquenz. Im Gespräch stellt er sich selbst in eine Ahnenreihe mit deutschen Vorbildern wie F. W. Murnau, von dessen expressiver Stummfilmästhetik Francos wortkarges Œuvre zweifellos profitiert hat, und erinnert an Weggefährten wie Klaus Kinski und Maria Schell.

Den neuen Kunstrummel hingegen nimmt er äußerst gelassen. Hinter einer coolen Fassade aus Kinnbart und Sonnenbrille übt sich der Altmeister in unbescheidenem Understatement: Der „Goya“-Preis der spanischen Filmwelt, sagte er im Babylon, lasse ihn ziemlich kalt. Einen echten Goya hingegen hätte er nicht verachtet: „Das ist ein guter Maler.“ Goya jagte man zu seiner Zeit aus moralischen Gründen aus dem Land. Es fällt nicht immer leicht, aber vielleicht muss man sich Jess Franco genau so vorstellen: als einen Francisco de Goya der Epoche des Bewegtbildes, der uns Unverständigen noch immer viel zu weit voraus ist, um seine Größe in gebührendem Maße zu erkennen. Zur Eröffnung kamen nur drei Dutzend Fans. Bodo Mrozek

bis 15. August im Kino Babylon Mitte

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