Kultur : Jessie ist weg

D. S.

Es sind Sekundenbruchteile, die Nathan Conrad braucht, um zu begreifen, dass seine Tochter Jessie verschwunden ist, gekidnappt aus dem Kinderzimmer, einfach so. Jetzt muss er zurück ins Schlafzimmer gehen und es seiner ahnungslosen Frau sagen.

Michael Douglas gehört zu den großen Schauspielern Hollywoods, der, wie James Steward, Cary Grant, Gary Cooper und nicht zuletzt sein Vater Kirk Douglas, die Kunst des "underplay" perfekt beherrscht. In "Sag kein Wort" spiegelt seine Miene angesichts der Entführung seiner Tochter in einer winzigen Zeitspanne Vorfreude, Erstaunen, Verärgerung, Besorgnis, Ungläubigkeit, Entsetzen, Angst und Entschlossenheit. Er spielt den wohlhabenden Psychotherapeuten Nathan Conrad, der in der psychiatrischen Anstalt eines ehemaligen Kollegen auf Elisabeth trifft, eine apathische junge Frau, die dort eingeliefert wurde. Nur einen Satz kann er ihr entlocken: "Sie wollen, was die wollen." Am nächsten Morgen ist seine Tochter weg; und dann ruft der Kidnapper an: Bis zum Nachmittag soll Conrad Elisabeth dazu bringen, eine sechsstellige Nummer zu sagen (die zum Versteck eines riesigen, gestohlenen Diamanten führen soll).

Der Psychotherapeut merkt schnell, dass er es mit einem Profi zu tun hat, der ohne jegliche Emotion tut, was er als seinen Job begreift (inklusive Überwachungskamera in Conrads Wohnung). Doch auch der beginnt nun seine Arbeit, "unter hohem Druck ist man gewöhnlich am besten", ermuntert ihn sein Gegenspieler am Telefon.

Gary Fleders neuer Film ist über weite Strecken spannend und weist, durchaus beabsichtigt, eine Reihe wahrhaft Hitchcockscher Momente auf. Und Michael Douglas, der Dr. Conrad als arrivierten Akademiker spielt, hinter dessen kultivierter Fassade eine Art "Dirty Harry" zum Vorschein kommt, lässt mit seinem präzisen Spiel die mitunter mangelnde Präzision des Drehbuchs vergessen.

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