Kultur : Jesus und die Juden

Mel Gibson arbeitet an einem Jesus–Film. Schon jetzt ist in Amerika ein Antisemitismus-Streit über „The Passion“ entbrannt. Kontroverse aus einem religiösen Land

Malte Lehming

Im Gefängnis von New York sitzt ein Mann, der vor acht Jahren einen Zeugen umgebracht hatte, der gegen ihn in einem Mordprozess aufgetreten war. Der Mann ist heute 27, heißt Tarref Allah und gehört zu einer Gruppe namens „Five Percenter“. Das ist eine militante Schwarzenorganisation, die sich in den Sechzigerjahren von der „Nation of Islam“ abgespalten hat. Bislang galten die „Five Percenter“ als brutale Straßengang, doch seit Anfang August genießt Tarref Allah einige Privilegien. Vor Gericht hat er durchgesetzt, dass seine Organisation als Religion anerkannt wird: Sie ist nun gleichgestellt mit Christen, Juden, Moslems und Buddhisten.

Seit einer Woche ist in Amerika die Zeitschrift „revolve“ auf dem Markt. Vom Titelbild lachen drei muntere Teenager, auf den zweiten Blick mutet das Magazin jedoch weniger profan an, ist doch das gesamte Neue Testament darin enthalten. Garniert wird der Abdruck mit Kolumnen wie „Hast Du einen göttlichen Freund?“ und Tipps für die „Schönheit von Innen“. Erreicht werden sollen jene Jugendlichen, die das Lesen der Bibel bislang abgetörnt hat. Das Motto: „Pop Goes the Bible“. Trotz des stolzen Preises von 19,99 Dollar verkauft sich die christlich-orthodoxe Zeitschrift gut.

Amerika ist ein religiöses Land. Der Glauben bestimmt den Alltag der Menschen. Mehr als 80 Prozent der Amerikaner sind überzeugt, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Nur knapp ein Drittel davon halten die Thesen der Evolutionswissenschaft für richtig. Im Weißen Haus werden regelmäßig Bibelstunden veranstaltet, mehr als 200 christliche TV- und 1500 Radiostationen verbreiten täglich ihre heiligen Botschaften. Die Christus-Industrie boomt. Etwa drei Milliarden Dollar werden jährlich mit religiösen Büchern, Filmen und CDs umgesetzt. Die Zahl der Kunden wächst beständig.

Diese Entwicklung hat einen doppelten Effekt: Zum einen vertieft sie den transatlantischen Graben – kaum etwas trennt Amerika und Europa heute stärker als der Glaube –, zum anderen vertieft sie innerhalb der USA die Kluft zwischen Säkularen und Religiösen. Der Streit wird immer erbitterter geführt. Die „New York Times" veröffentlichte kürzlich gar den Hilferuf eines Philosophen. Amerika sei keine Theokratie. Alle „Atheisten, Agnostiker und Nichtgläubige“ sollten sich vereinen, um die schleichende Erosion der Verfassung durch die Zeloten aufzuhalten.

Die jüngste Kontroverse spielt in Hollywood. Dort arbeitet der Schauspieler und Regisseur Mel Gibson an einem Film über die letzten zwölf Stunden von Jesus Christus. Das Werk ist in jeder Hinsicht riskant. Finanziert hat Gibson „The Passion“ mit seinem eigenen Geld, gut 25 Millionen Dollar kostete die Produktion. Um so authentisch wie möglich zu sein, werden die Dialoge auf Aramäisch und Latein geführt (Kritiker geben zu bedenken, dass viele Römer Griechisch sprachen). Gedreht wurde überwiegend in Italien, gesehen hat den Film noch kaum jemand. In die Kinos soll er erst im nächsten Jahr kommen, pünktlich zu Aschermittwoch.

Dennoch brodelt seit Monaten der Streit um das Werk. Gibson ist Mitglied einer skurrilen christlich-fundamentalistischen Gruppe namens „Catholic Traditionalism“, die die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt. Sie zelebriert die Messe weiter auf Latein, eine Annäherung an das Judentum wird verweigert. Hutton Gibson, der Vater von Mel, ist einer ihrer prominenten Autoren. Sein Sohn saß im Januar diesen Jahres zum Interview beim TV-Sender Fox. Der Moderator fragte ihn, ob seine inszenierte Passionsgeschichte womöglich den Zorn von Juden auf sich ziehen werde. „Kann schon sein“, antwortete Gibson, „obwohl das nicht meine Absicht ist. Ich will nur die Wahrheit erzählen.“

Im Frühjahr fiel eine frühe Drehbuchfassung in die Hände einer Expertengruppe, die sich aus der „United States Conference of Catholic Bishops“ und der jüdischen „Anti-Defamation League“ zusammensetzt. Diese Gruppe, fünf Katholiken und vier Juden, engagiert sich seit Jahren im christlich-jüdischen Dialog; sie schlug Alarm. Die Juden würden im Film als Christusmörder präsentiert, und „The Passion“ reiße alle Brücken zwischen Juden und Christen wieder ein. Zwar wurde Gibson selbst nicht des Antisemitismus bezichtigt, aber es hieß, dessen sowohl drastische als auch plastische Darstellung des Geschehens werde unbeabsichtigt antisemitische Gewalt erzeugen.

Gibson wehrte sich: Diese Drehbuch-Fassung sei alt. Dann zeigte er die Rohfassung des Filmes einigen ihm Wohlgesonnenen; entsprechend überschwänglich war die Reaktion. „Mel Gibson ist der Michelangelo der heutigen Generation“, schwärmte Ted Haggard, der Präsident der „National Association of Evangelicals“. Und Paul Lauer, der Marketing-Direktor der Produktionsfirma Icon, wird in der „New York Times“ mit der Bemerkung zitiert: „Der Film hält sich streng an die Überlieferung. Man kann ja nicht einfach die Tatsache leugnen, dass es einige Juden gab, die diesen Menschen tot sehen wollten.“

Mittlerweile winken aus Angst vor einem Skandal die ersten Verleihfirmen ab. Als erste gab 20th Century Fox, die zum Imperium von Rupert Murdoch gehört, Gibson einen Korb. Am Tag der Entscheidung waren Demonstranten vor Murdochs Hauptquartier in New York gezogen, um gegen den Film zu protestieren. Mitte September nun will „Braveheart“ Gibson die endgültige Fassung von „The Passion“ anderen großen Verleihfirmen in Hollywood vorführen, darunter Warner Brothers und Miramax. Angeblich fehlt dem Opus nur noch die Musik.

Auch politisch ist der Zwist zwischen evangelikalen und jüdischen Organisationen brisant. Nachdem ihre Vertreter eine Rohfassung von „The Passion“ sahen, veröffentlichte „The National Association of Evangelicals“ eine Erklärung: Die konservativen Christen in Amerika zählten doch zu den glühendsten Verteidigern Israels. Und die jüdischen Vertreter mögen es sich doch überlegen, ob sie „nur wegen eines Filmes“ die Entfremdung von dieser Gruppe riskieren wollten.

ADL-Chef Abraham Foxman äußerte sich empört über „diese Verbindung ,Wir unterstützen Israel, also haltet ihr die Klappe zum Antisemitismus’“. Auf eine solche Unterstützung Israels könne er verzichten.

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