Kultur : Jetzt beginnt die Aufräumarbeit Warum Hamburgs Kultur

wieder hoffen darf

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Mancher Vertreter der Hamburger Kulturszene reibt sich verwundert die Augen: Da erscheinen nach Jahren der Agonie gleich zwei Hoffnungsträger am Horizont. Erst gibt Karin Beier, die gefeierte Intendantin des Schauspiels Köln, dem künstlerisch führungslosen Hamburger Schauspielhaus ihr Jawort, und dann präsentiert Olaf Scholz, der strahlende SPD-Wahlsieger der jüngsten Bürgerschaftswahlen und designierte Bürgermeister, auch noch Barbara Kisseler für das Amt der Kultursenatorin.

Letztere hatte in der Hansestadt kaum jemand auf der Rechnung – in Berlin dagegen ist die parteilose 61-Jährige seit 2003 als kenntnisreiche und durchsetzungsstarke Anwältin der Kultur bekannt (Tagesspiegel vom 28. 2.). Seit 2003 ist sie eine feste Größe in der Hauptstadt-Kulturpolitik, zuletzt als Chefin der Senatskanzlei. Der Rechtsanwalt und unermüdliche Kunstbefeuerer Peter Raue nennt den Wechsel Kisselers von Wowereits Senatskanzlei in die Hansestadt bündig „einen herben Verlust für Berlin“.

In Hamburg wird sich die resolute Rheinländerin über einen Mangel an Herausforderungen nicht beschweren können. Man könnte auch Aufräumarbeiten sagen: In dem knappen Jahrzehnt, seit Christina Weiss nach dem Ende der rot- grünen Koalition als Kultursenatorin ausschied, haben ihre Nachfolger das Vertrauen in die Politik nicht gerade befördert. Dana Horáková (parteilos) träumte vom Glamour eines „Aquadome“, einer Kreuzung zwischen Konzerthaus und Aquarium; Karin von Welck (parteilos) ließ sich von Ole von Beust (CDU) im Geschachere um das Millionengrab Elbphilharmonie verheizen; von Reinhard Stuth, den man nach Welcks Rücktritt vergangenen Sommer zur allgemeinen Überraschung aus dem vorzeitigen Ruhestand zurückgeholt hatte, wird wenig mehr bleiben, als die Erinnerung an seinen donquijotehaften Vorstoß, die verordneten Einsparungen im Kulturetat durch Schließung des Altonaer Museums zu bewerkstelligen.

Der Volljurist musste erst darauf hingewiesen werden, dass sich Miet- und Gehaltszahlungsverpflichtungen nicht im Handstreich außer Kraft setzen lassen. Und Beusts Nachfolger Christoph Ahlhaus (CDU) verteidigte im Streit um die Etatkürzungen ausgerechnet die 1,5 Millionen für das Polizeiorchester. Andernorts konnte man über diese fortgesetzte Posse vielleicht noch lachen, bei den Hamburger Kulturschaffenden reichte es zuletzt höchstens noch für Zynismus.

Als das Künstlerpaar Daniel und Angela Richter nach Berlin zog, machte das Wort vom Exodus Hamburger Künstler die Runde. Der jüngste Knatsch um eine weitere Verteuerung der Elbphilharmonie – im Volksmund auch „Oles Mausoleum“ genannt – um schlappe 28 Millionen Euro ließ die Öffentlichkeit kaum noch zusammenzucken. Und kein Leser kann umhin, den neuen Roman „Die große Verschwendung“ von Wolfgang Schömel, im Hauptberuf Literaturreferent in der Kulturbehörde, als Schlüsselroman zu verstehen, auch wenn der Autor das bestreitet.

Einen Gewinn allerdings hat die kulturpolitische Eiszeit der Nullerjahre in Hamburg gebracht – nämlich eine neue, unmittelbare Form von bürgerlicher Teilhabe. Handfeste Protestaktionen, allen voran die Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“, die sich gegen den geplanten Abriss des historischen Gängeviertels durch einen Investor wandte, scheinen die Damen und Herren im Rathaus doch noch daran erinnert zu haben, dass politische Entscheidungen ohne eine langfristige Akzeptanz in der Bevölkerung nicht tragbar sind.

Womöglich steht jetzt wirklich Tauwetter ins Haus: Gerade hat Bürgermeister Scholz angekündigt, er werde die Kultur in Hamburg stärken und Verlässlichkeit sowohl für die großen Institutionen als auch für die freie Kunstszene schaffen. „Der Kulturetat darf nicht gekürzt, er muss aufgestockt werden“, präzisiert Barbara Kisseler. Zahlen nennt sie nicht, auch nicht zur Verteilung der Mittel. Aber sie betont, wie wichtig die Planungssicherheit für die großen Häuser ist, und sie will zwischen den Etablierten und der Off-Kultur vermitteln: „Es wird nicht darum gehen, sie gegeneinander auszuspielen, sondern um einen nicht ganz einfachen Balanceakt. Die freie Szene lebt ja in einer beinahe historisch zu nennenden Armut. Die wollen jetzt auch mal in die Beletage.“ Verena Fischer-Zernin

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