Kultur : Jetzt erst sind wir frei

KZ-Überlebende als Nachkriegspolitiker: eine Ausstellung in Sachsenhausen

Gerwin Klinger

Das Konzentrationslager nicht nur als Stätte des Leidens, sondern auch als ein Ort, von dem die Nachkriegspolitik in den Ländern Europas wichtige Impulse empfing – diese Perspektive ist zwar ungewohnt, aber fruchtbar. Viele der befreiten Männer und Frauen aus Sachsenhausen und Ravensbrück zum Beispiel gestalteten nach 1945 die Politik in ihren Heimatländern entscheidend mit, teilweise in hohen Ämtern und Positionen. „Hier war das ganze Europa“, eine Sonderausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, zeichnet anhand von Fotos, Briefen, Dokumenten, Zeitungsartikeln und Karikaturen die Lebenswege von 24 Überlebenden nach, für deren politisches Handeln die KZ-Haft prägend war.

In der Politik Norwegens gaben Trygve Bratteli, Einar Gerhardsen, Gunnar Alf Larsen und Sverre Offenberg Loberg, alle ehemalige Sachsenhausen-Häftlinge, bis weit in die Siebzigerjahre hinein den Ton an, wechselweise als Regierungschefs, Minister, Parteiführer oder Abgeordnete. Schon vor dem Krieg waren sie in der Arbeiterbewegung engagiert, dann im Kampf gegen die Nazis, schließlich durchliefen sie die Gefängnisse und Lager der Nazis. Als Gegenfiguren zum Kollaborationspolitiker Vidkun Quisling symbolisierten sie nach dem Krieg den norwegischen Widerstand und Neubeginn.

Antonin Zapotocky gehörte 1921 zu den Gründern der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. 1939, nach der Besetzung Böhmens und Mährens, wurde er verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Von 1953 bis zu seinem Tod 1957 war er tschechoslowakischer Staatspräsident, verantwortlich für eine Phase stalinistischer Säuberungen. Er veranlasste die Verhaftung und Verurteilung seines Mithäftlings Jakub Cermin. Der wurde 1989 Vorsitzender des Verbandes der Kämpfer für Freiheit. Bei der sanften Revolution erklärte Cermin auf dem Wenzelsplatz: „Jetzt erst sind wir wirklich frei!“

Die französische Journalistin Marie- Claude Vaillant-Couturier trat 1934 in die kommunistische Partei ein, gründete die feministische Union des Femmes de France. 1942 wurde sie verhaftet, nach Auschwitz und später nach Ravensbrück deportiert. Nach dem Krieg gehörte sie lange Jahre der Nationalversammlung an und war zeitweise deren Vize-Präsidentin. 1987 sagte sie als Zeugin im Prozess gegen den Gestapo-Chef Klaus aus. Das tat auch Geneviève de Gaulle. Die katholische Studentin hatte sich 1941 im französischen Widerstand engagiert. 1942 wurde sie verhaftet und nach Ravensbrück bracht. Die Nichte des Résistance-Chefs Charles de Gaulle erhielt den Status eines Sonderhäftlings. Als Präsidentin des Vereins ehemaliger deportierter und internierter Frauen der Résistance kümmerte sie sich um ihre Mitgefangenen.

Anliegen dieser Ausstellung ist es, das KZ im Spiegel dieser internationalen Biografien als Brennpunkt der europäischen Geschichte und Nachkriegspolitik kenntlich zu mache. Das gilt zum einen für die Zwangsgemeinschaft des Lagers: 90 Prozent der rund 200000 KZ-Häftlinge waren Ausländer. Sie stammten aus mehr als 40 Ländern und Nationen. Zum anderen für ihr politisches Vermächtnis. Zum Auftakt wird eine Denkschrift der Häftlinge von 1945 gezeigt. Sie ruft angesichts von Menschheitsverbrechen, bei denen die Nationalität der Opfer ihre Bedeutung verliert, dazu auf, den Kampf der Nationen zu beenden. Unterschrieben ist sie von zwölf Häftlingen aus zehn Nationen.

Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen bis zum 30. April 2004, täglich außer montags 8.30 bis 16.30 Uhr, Eintritt frei

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