Kultur : Jetzt ist höchste Schwebebahn

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„Einen Sitzplatz haben oder nicht. Das ist hier die Frage“, schreibt „Le Monde“ über ein deutsches Gastspiel. Die Rede ist von Pina Bausch. Die Wuppertaler Choreographin gastiert gerade in Paris. Nicht nur in der französischen Metropole reißt sich das Publikum um die Eintrittskarten. Egal, wo die Choreografin in Europa, Asien, Australien und Lateirika mit ihrem Tanztheater auftritt: Die Häuser sind ausverkauft. Auch verschiedene europäische Städte haben sich um Pina Bausch beworben, wollten sie und ihr Tanztheater ganz zu sich zu holen. Die Choreographin - eine der weltweit berühmtesten und vielfach ausgezeichnet - schlug die attraktiven Angebote aus und blieb in Wuppertal.

Doch die Stadt tut derzeit nicht viel, ihren wichtigsten Exportartikel zu halten. Im Gegenteil, sie riskiert, dass das Tanztheater wegzieht. Die Zukunft der zwei Wuppertaler Bühnen - das Opernhaus im Stadtteil Barmen und das Schauspielhaus in Elberfeld - ist unsicher. Werden die beiden sanierbedürftigen Häuser weiter erhalten oder wird wegen großer Steuerausfälle der Kommune das Schauspielhaus geschlossen? Soll Pina Bausch das Schauspielhaus in Eigenregie übernehmen - womit sicherlich auch mehr Kosten und Arbeit auf sie zukommen? Das Tanztheater hat bisher an beiden Bühnen gespielt. Pina Bausch hat mehrfach betont, wie lieb ihr beide Spielflächen sind und dass sie beide braucht. Für den Fall, dass das Schauspielhaus geschlossen wird, hatte sie Konsequenzen angedroht.

Am Mittwoch hat der Münchner Theaterarchitekt Reinhold Daberto im Kulturausschuss ein Gutachten vorgestellt. Darin appelliert er an die Stadt, das Tanztheater in Wuppertal zu halten „und in seiner Existenz der künstlerischen Bedeutung gemäß zu sichern“. Außerdem befürwortet er, beide Häuser zu erhalten und zu sanieren. Die andere, von ihm untersuchte Alternative war, das schöne, denkmalgeschützte Schauspielhaus zu schließen und das Opernhaus Barmen um eine kleine Theaterbühne zu erweitern. Für diese Option hatten in der Vergangenheit der Generalintendant der Wuppertaler Bühnen, Gerd Leo Kuck, und die (mit der FDP) regierende CDU plädiert. In der Vergangenheit war bezweifelt worden, ob sich Kuck und CDU durch ein Gutachten umstimmen ließen. Kultursenatorin Marlis Drevermann will zwar beide Spielflächen erhalten, möchte aber, dass Pina Bausch „die Verantwortung“ für das Schauspielhaus übernimmt.

Nicht vor Herbst wird der Rat der Stadt über das Schicksal der Wuppertaler Bühnen entscheiden. Bis dahin diskutieren die Fraktionen über das Gutachten, anschließend beraten der Kultur- und der Hauptausschuss. Alle Parteien sind sich einig, dass sie ihr Aushängeschild behalten wollen.

Doch Pina Bausch kann sich ihre Arbeit ohne das Schauspielhaus nicht vorstellen. Und sie sieht sich nicht in der Lage, das Haus allein und ohne zusätzliche Mittel zu bewirtschaften. Erste Konsequenzen hat Bausch bereits gezogen: Sie gibt Repertoire-Stücke in andere Städte ab. Sie überlegt, über 2003 hinaus keine weiteren Gastspiele zu planen. Außerdem hat sie erklärt, nur dann das Tanzfestival NRW 2004 zu leiten, „wenn Wuppertal mit beiden Häusern dabei ist". Und: Sie könne sich vorstellen, woanders zu arbeiten.

Dass Wuppertal sparen muss, auch in der Kulturpolitik, ist ohne Zweifel. Fragwürdig ist jedoch, wie das geschieht. Nur kurz, nachdem CDU und FDP die sozialdemokratische Regierung in der Stadt abgelöst hatten, lösten sie die Theaterehe zwischen Wuppertal und Gelsenkirchen auf. Das Budget der Bühnen hat sich halbiert, qualitätvolles Theater ist damit kaum mehr möglich. Das Schauspielensemble wurde von 30 auf 13 Mitarbeiter reduziert. Neuerdings zeigt das Theater mehr Zwei- und Drei-Personen-Stücke. Die Zuschauer schwinden. Das ist der Hintergrund, warum der Intendant das Schauspielhaus schließen möchte, um ein neues, kleineres Haus zu bauen.

Ginge Pina Bausch, wäre eine legendäre und einmalige Beziehung am Ende. Vor bald 30 Jahren kam Pina Bausch nach Wuppertal. Sie entwickelte dort eine Tanz- und Theatersprache, die weltweit revolutionär wirkte. Pina Bausch ist eine der berühmtesten deutschen Künstlerinnen überhaupt. Doch die Städte scheren sich derzeit wenig um die Größen der Kultur: In Frankfurt wackelt William Forsythe, in Berlin droht Frank Castorfs Abgang. Karen Wientgen

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