Jia Zhang-ke im Porträt : Mein verschollenes China

Der brasilianische Regisseur Walter Salles trifft den chinesischen Filmemacher Jia Zhang-ke. Das Ergebnis ist ein erhellender Gang durch die sieben Spielfilme des Künstlers.

Helmut Merker
"A guy from Fenyang": Jia Zhang-ke (r.) gibt sich offen und unprätentiös.
"A guy from Fenyang": Jia Zhang-ke (r.) gibt sich offen und unprätentiös.Foto: Zhang Ruiying, Zhang Hong, Jia Zhang-ke

Mit seinen sieben Spielfilmen gehört der 1970 geborene Chinese Jia Zhang-ke zu den bedeutendsten Filmemachern der Gegenwart – und ist doch immer noch „A guy from Fenyang“, wie ihn der brasilianische Regisseur Walter Salles in seiner Dokumentation nennt. Wenn Kollegen einander porträtieren, trägt das nicht immer zur Erleuchtung bei, hier allerdings kommt die Gefahr gegenseitiger Beweihräucherung gar nicht erst auf. Der eine hält sich ganz im Hintergrund und ordnet dem neu gedrehten Material Ausschnitte aus Jias Filmen zu; der andere gibt sich so offen und unprätentiös, wie es der Titel suggeriert.

Jia kehrt an die Drehorte seiner Filme in der Chronologie ihrer Entstehung zurück; in seinem Geburtsort Fenyang entstand sein Frühwerk, nun geht er 15 Jahre danach dieselben Straßen entlang wie seine Darsteller, die Kamera folgt ihm in ähnlichen Einstellungen, er trifft Mitarbeiter, Nachbarn und Verwandte und kommentiert die Veränderungen: die verfallene Reihe Karaoke-Bars, die verschwundenen Apfelbäume, zerstörte Fenster, verwahrloste Hinterhöfe.

Jia Zhang-ke zeigt in "Platform" die Sehnsucht der Armen

Es wird klar, wie sehr Jia auch eine Figur seiner eigenen Spielfilme sein könnte. Wie sie blickt er melancholisch, aber nicht sentimental zurück, sieht der Zukunft sorgenvoll, aber nicht resignativ entgegen, wie sie kann er den Lauf der turbokapitalistischen Zeit nicht ändern – aber anders als sie kann er mit seiner Kamera die Erinnerungen an die Vergangenheit festhalten und damit die Würde der Menschen bewahren.

Jia erzählt von seinem Vater, der ihm einst bei dem grandiosen Ausblick von der Stadtmauer auf die große weite Welt mit Tränen in den Augen erklärte, dass er kaum die Chance haben werde, jemals aus der Armut herauszukommen und sein Land kennenzulernen. Darauf folgt ein Ausschnitt aus „Platform“: Jugendliche, die eine Tür aufstoßen, einen Berg hinaufstürmen, einem Zug hinterherrennen und ihm nachschreien, dass sie eines Tages darin wegfahren werden.

Die schönste Geschichte ist eine kleine Musicalszene: „Platform“ zeigt, wie die Jugend statt der ewigen Arbeiterlieder die westliche Popmusik entdeckt. Wir sehen in einem leeren Raum ein junges Mädchen zur Radiomusik tanzen, allein, in sich versunken, einsam und glücklich. Danach steht die junge Frau vor Walter Salles’ Kamera und erzählt, wie sie von Jia Zhang-ke entdeckt wurde. Es ist Zhao Tao, sie wurde seine Muse und seine Frau.

9.2., 17 Uhr (International), 10.2., 14.30 Uhr (Cinestar 7), 12.2., 19.30 Uhr (Zoo Palast), 15.2., 20 Uhr (Cinestar 7)

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