Kultur : Jiddische Kultur: Ware Erinnerung

Thomas Lackmann

Auf der Bühne des Saales, der vor Jahren noch als Lager für Sanitäramaturen diente, hängt - verfremdet, in sich selbst gespiegelt - das Portrait eines schielenden Wuschelkopfpoeten. Eine Frau und fünf Männer singen Lieder, deren Texte wie Schwyzer Mittelhochdeutsch klingen. Zwei Musiker und der Sänger stammen aus der Ukraine, die Sängerin aus Holland; der Pianist kam aus Russland via Israel nach Berlin, der Regisseur war Pastor in Weimar. Am Saaleingang steht, wie an vielen Abenden im Hackeschen Hof Theater, eine alteDame hinter einer Kamera und archiviert: die Hommage an den jiddischen Dichter Itzik Manger.

Im Hackeschen Hof-Theater versteht man sich seit acht Jahren als die Berliner Adresse "für jiddische Kultur am historischen Ort"; doch dürften nicht nur die Zufallstouristen im Publikum, sondern auch manche Kenner jüdischer Tradition den Schriftsteller aus dem galizischen Czernowitz mit einem Ruhrpott-Komiker ähnlichen Namens verwechseln. Jiddische Kultur - wer kennt sich da aus? Die Berichte aus Mangers Leben klingen nüchtern frisch, die Sketche wirken skurril, der Balladenton aber schwankt zwischen kerniger Vitalität, Folk-Romantik und weihevoller Düsternis. Erst als eine nach ihrem Favoriten-Song befragte Zuschauerin aufsteht, sich auf die Rampe setzt und ein Lied vorträgt, das die Künstler nicht in petto haben, mit kleiner Stimme, unbewegtem Gesicht, eckigem Händeklatschen: da verfliegt die Revival-Künstlichkeit, der manche unter den Darstellern erliegen. Die 50-jährige ist Jiddisch-Professorin, kommt aus Detroit, nein: Weißrussland. Und erzählt in der Sprache ihrer Kindheit, ihrer Vorfahren. Da beginnt der Saal sich zu drehen, als sei er eine der vielen Kneipen in Itzik Mangers Leben; Jiddisch ist plötzlich eine universale Sprache, seine Volkslieder sind Lieder normaler Leute, und der "historische Ort" wird zum Forum authentischer Überlieferung.

Faszination des Authentischen: In der Hauptstadt der Historisierung grassiere eine Art jewish fetischism, sagte vor einem Jahr der amerikanische Museumsman Tom Freudenheim anlässlich seines Abschieds von Berlin. Ein Trend, der zu den medialen Ritualen der history-Inszenierung passt. Wo Erinnerung auf den Markt kommt, wird sie als Markenartikel angeboten. Ihre Markenzeichen heißen "Zeitzeuge" und "authentischer Ort"; das überzeugt im Zeitalter der virtuellen Reproduktion.

Zum Markt gehört Wettbewerb. Gleichwohl reagierten die Marktführer vom Hackeschen Hof-Theater säuerlich, als vor wenigen Tagen eine angeblich erste jüdische Bühne Berlins nach dem Krieg zur Premiere lud: das ABM-Projekt "Bahmah" in Räumen des Bezirksamtes Wilmersdorf, flankiert von naivem Medienbohei ("Diese mutige Theatergründung war angesichts brennender Asylantenheime überfällig"). Gegen diese Konkurrenz am Hohenzollerndamm beruft sich das Hackesche-Hof-Theater in Mitte nicht nur auf seinen "historischen Ort" - den jüdischen Friedhof sowie die Sophiensäle nahebei als alten Spielort jiddischer Stücke -, sondern vor allem auf die Unterscheidung jiddischer und deutsch-jüdischer Tradition. Osteuropas jiddische Kultur wurde fast vernichtet, wenn auch weltweit noch fünf Millionen Menschen die jiddische Sprache beherrschen mögen. In Berlin gehörte das alte Judendeutsch immer zur Migrantenszene der Ankömmlinge aus dem Osten. Die deutsch-jüdische Kultur jedoch, sagt Theaterdirektor Burkhard Seidemann, sei mit der deutschen untrennbar verbunden, sie dürfe auf keinen Fall an einem separaten Ort ghettoisiert werden.

Trotzdem ist es offenbar gerade in Deutschland schwer, jüdische Kultur auszustellen, ohne dabei die philosemitischen Effekte des jewish fetischism zu bedienen. Ob dem Jüdischen Museum Berlin, dessen Stellvertreter-Direktor Tom Freudenheim zwei Jahre lang war, dieses Kunststück gelingt, kann erst nach der Eröffnung des Hauses am 9. September gesagt werden. Ein Konkurrenzkampf um die Kompetenz für das Authentische, bei dem es nicht zuletzt um innerjüdische Identitäts-Definitionen geht, hat den Chef des Libeskindbaus allerdings schon vor wenigen Wochen erreicht. Als das Konzept des Jüdischen Museums in Fürth der dortigen Jüdischen Gemeinde missfiel, wurde nicht nur dessen Direktor aufgrund seiner nichtjüdischen Abstammung attackiert, sondern in der Folge, auf überregionaler Ebene, auch der Direktor des Jüdischen Museums Berlin: Denn W. Michael Blumenthal hatte, nach Jahrzehnten der persönlichen Indifferenz, vor wenigen Jahren erst die eigene jüdische (Familien-)Geschichte für sich neu entdeckt, war aber keineswegs zur jüdischen Gemeinde gestoßen.

Braucht man zur Präsentation jüdischer Kultur die genetische, ethnische, religiöse Qualifikation? Der jüdische "Kontingentflüchtling" jedenfalls, falls er nach Deutschland will, das verkündigte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden Paul Spiegel dieser Tage, muss sich künftig genauer legitimieren: die jüdische Mutter nachweisen oder eine Konversion "nach den einschlägigen Regeln des Rabbinatsgerichtes". Irgendeine jüdische Herkunft sei zu wenig. Das ist ein korrektes Statement im Sinne des Innenministers, gewiss; eine Abgrenzungserklärung im Schatten der Leitkultur, im Zeitalter der Identitäts-Verwirrung und ihrer Selbstverortungs-Projekte. Wer ist wahrer Jude?

Für das Echte, behauptet der Werbeslogan für einen Massenartikel, gebe es keinen Ersatz: Der Streit um die originale historische Überlieferung wird in keinem Land so verbissen geführt wie in Deutschland. Doch die bizarrste Nachricht vom Wettbewerb der Traditionshüter erreicht uns aus Osteuropa: wo im habsburgischen Schmelztiegel Galizien die dichteste jüdische Population Europas lebte - vor 100 Jahren, als Itzik Manger geboren wurde. Heute liegt das einstige Literatur-Paradies Czernowitz, seine Geburtsstadt - zwischen den Kriegen zu Rumänien gehörend - in der Ukraine. Auch Auschwitz lag in Galizien,gehört heute zu Polen; ein anderes galizisches Städtchen namens Drohobycz wiederum war nur zwischen den Kriegen polnisch, bis die Rote Armee einrückte, später die deutsche Wehrmacht. Verwehte Spuren, verwischte Grenzen, eine Region der Vernichtung. Wer gehört zu wem? Heute gehört Drohobycz, jenes Städtchen, in dem der wunderbare Schriftsteller Bruno Schulz ("Die Zimtläden") zu Hause war, , zur Ukraine: wo man sich derzeit weniger um den Luxus des Authentischen als ums Überleben sorgt. Gleichwohl gibt es dort ein postsowjetisches "Leitkultur"-Projekt: ein Ukrainisierungsprogramm auf Kosten kultureller Minderheiten. Bruno Schulz, der als polnischer Jude unter deutscher Besatzung versucht hat, sich zu retten, indem er dem SS-Scharführer Felix Landau das Kinderzimmer seiner Villa mit Märchenfresken ausmalte, steht eher nicht im Zentrum der ukrainisierten Staatskultur.

1942 wurde Bruno Schulz auf offener Straße erschossen. Die Fresken hat man erst im Februar 2001 wiederentdeckt; sie sollten für ein geplantes Bruno-Schulz-Museum in Drohobycz restauriert werden. Doch im Mai kam heraus, dass Mitarbeiter der Gedenkstätte Yad Vashem den Bewohnern der Villa die Kunstwerke für 100 Dollar abgekauft und sie nach Israel verbracht haben - den bislang freigelegten, abgelösten Teil der Fresken. Der Zorn in Polen und der Ukraine ist groß. Man habe die Bilder aus dem historischen Kontext gerissen, kritisiert der Schulz-Biograph Jerzy Ficowsky. In Israel heißt es, die ukrainischen Behörden seien informiert gewesen. "Die Werke sollten da sein, wo sich die Leute dafür interessieren, also in Polen oder Israel," sagt der Direktor von Yad Vashem, Yehuda Bauer. "Wen gehen denn die Fresken in Drohobycz was an?" Jetzt aber bittet Dora Katznelson aus dem Vorstand der jüdischen Gemeinde von Drohobycz um ihre Rückgabe. "Wir erleben eine Tragödie des Kulturschwunds", schreibt sie in der Zeitung "Gazeta Wyborcza". Wer heute als Jude in diesem "vom Blut unserer Landsleute getränkten Land" lebe, wünsche die Erhaltung "der Spuren der großen, unwiederbringlichen Kultur der Juden in der Ukraine". Kein Jude in Drohobycz verstehe, dass sich "Israel, unsere moralische Stütze, unsere Hoffnung", an diesem "barbarischen Raub" beteilige.

Wem gehört die präsente Vergangenheit? Die Bedeutung des Unvorstellbaren und die Aura der immer knapperen "Markenartikel" nimmt zu. Wer bestimmt, was damit geschieht? Wer präsentiert, wer repräsentiert das Authentische? Der Verteilungskampf um die Erinnerung hat erst begonnen.

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