• Jirí Kratochvil: Unsterbliche Geschichte: Die Liebe ist ein farbig Ding - Der tschechische Autor übermalt das Grau des letzten Jahrhunderts

Kultur : Jirí Kratochvil: Unsterbliche Geschichte: Die Liebe ist ein farbig Ding - Der tschechische Autor übermalt das Grau des letzten Jahrhunderts

Olga Martynova

Das Jahrhundert ist gegangen, die Überblick kommen - auch mit "Unsterbliche Geschichte", dem zweiten ins Deutsche übersetzten Buch des 1940 in Brünn geborenen Jirí Kratochvil. Auf die historischen Peripetien spielt schon der Namenswechsel der Straße an, in der die Ich-Erzählerin zur Welt kommt (Sonja Trotzkij-Sammler, geboren am 1. Januar 1900 in Brünn, Österreich, später Tschechoslowakei, heute Tschechische Republik): "Ferdinandstraße (später Masarykstraße, noch später Hermann-Göring-Straße und noch später wieder Masarykstraße und noch später Straße des Sieges und dann kurz wieder Masarykstraße und dann wieder lange Zeit Straße des Sieges und heute wieder Masarykstraße)."

Im Elternhaus (Vater Russe, Mutter Deutsche) ist Sonja gut aufgehoben; der Erste Weltkrieg hat keine besonderen Auswirkungen auf die Familie, nur Wien ("Wien, Wien du Stadt meiner Träume") ist mit dem Untergang der k.u.k.-Monarchie verloren; Sonja wird Lehrerin, Gouvernante, Bibliothekarin, Gärtnerin, Kranführerin, Rentnerin, wieder Gouvernante. Sie bleibt unverheiratet, weil der für sie vom Schicksal bestimmte Mann, Bruno Mlock, drei Tage nach ihrer Geburt tödlich verunglückt. Unzählige Liebhaber bringen keinen Seelenfrieden, fünf russische Geheimagenten aber, mit denen sie im Zweiten Weltkrieg eine Englisch-Sowjetische Widerstandsaktion durchführt, schenken ihr einen Sohn. Im Zweiten Weltkrieg leiden Sonjas Eltern unter dem Nazi-Terror, dann werden sie von den Kommunisten geschlachtet; um 1968 sind KGB und Staatssicherheit hinter Sonja her; nach der Samtenen Revolution wird sie von dem als US-Geheimagent gut verdienenden Sohn unterstützt, dann kommt sie in die Schweiz als Gouvernante.

Soweit das sichtbare Muster ihres Lebens. Sonja wird aber von ihrem Erfinder ausgiebig mit mystischen Gaben ausgestattet, so dass die einfache Geschichte nach einem zusätzlichen Szenarium auf einer zusätzlichen phantasmagorischen Ebene spielt. Der tödlich verunglückte Geliebte erlebt eine Reihe von Reinkarnationen, um sich immer wieder in tierischer Gestalt (einmal jedoch als Außerirdischer) mit Sonja zu vereinigen; die fünf russischen Geheimagenten werden von Churchills cleveren Experten in eine Art Werwölfe verwandelt. Den gewaltsamen Tod der Eltern hatte der Teufel von einem Brünner Dach aus bereits einige Jahre zuvor der Protagonistin "vorgefilmt". Dem Sohn wird von Bruno Mlock ein weiser Karpfen als Hauslehrer geschickt, der den Jungen bis zum 13. Lebensjahr unterrichtet. Dann taucht ein amerikanischer Geheimagent mit dem dichterischen Decknamen Robert Lowell auf (was Bruno ebenfalls eingefädelt hat) und nimmt den Sohn zur weiteren Ausbildung mit sich. Für die Stagnationsjahre nach 1968 hat Sonja sich einfach auf dem Dachboden verpuppt, um sich um die Wende herum wieder zu entpuppen - und so weiter und so fort.

Zeppeline und weise Karpfen

Doch ähnlich wie Wasser und Butter vermischen sich in diesem Buch die beiden Ebenen, die wirkliche und die phantastische, nicht. Um so weniger, als am Ende des Romans einige Schlüsselkapitel eingefügt sind, in denen ein zweiter Ich-Erzähler namens Kratochvil, also ein Namensvetter des Autors, auftaucht, seine eigene Biographie darstellt, die in wesentlichen Zügen der von Sonja ähnelt und auch von der Methode berichtet, nach der die phantasmagorische Welt entsteht: aus "...Büchern, in denen sich Seiten in deutscher Schrift mit lateinisch und kyrillisch bedruckten vermischten ... Heute weiß ich, daß ich nicht nur eine Kreuzung aus Tschechen, Deutschen und Ukrainern bin, sondern auch aus Wölfen, Panthern, Schimpansen..." Der mystische Schleier ist hier nur eine Methode, ein Überbau, eine Technik. Darunter liegt, wie ein Klotz, das stumme einfache Leben einer unglücklichen Frau. Man kann den "wirklichen" Faden leicht herausziehen: geboren, keine Familie, keine Kinder, keine Liebhaber, langweilige weibliche Berufe. Die Zeppeline, Aliens, weise Karpfen, Liebhaber, der ewige Bräutigam Bruno sind nur Tagträume. Während bei den Großen des tschechischen magischen Realismus, etwa Bohumil Hrabal, das Phantastische mit dem Kern der Geschichte unzertrennlich verbunden ist, kann man es hier abziehen wie einen Klebestreifen. Die fünf Bücher des Romans ("Bücher" wie im Pentateuch) entsprechen den fünf Inkarnationen Brunos: "Der Schimpanse", "Der Hirsch", "Die Wölfe" (genauer die fünf sowjetischen Werwölfe, da Bruno selbst zu dieser Zeit als Außerirdischer beschäftigt ist), "Der Elefant", "Der Panther". Das Ganze ist aber nicht nur ein Tier- , sondern ein regelrechter Zitatengarten. Es finden sich Anspielungen an die Bibel, Märchen und aktuelle Trivialmedien.

"Unsterbliche Geschichte" ist ein unterhaltsames, nicht ohne eine gewisse Eleganz naiver Kunst geschriebenes Buch, in dem aber alles so gut gemeint ist, daß es an Kitsch grenzt. Die Lehre, die der Roman anbietet, ist hochmoralisch: jeder, auch der unbedeutendste Mensch hat seine wunderbare innere Welt und darf sich als ein märchenhaftes Wesen begreifen; Krieg ist furchtbar; man darf nicht Völker, ganz zu schweigen von unschuldigen Kindern und kraftlosen Alten, bestrafen; die Liebe ist ein großartiges Ding. Wenn so unbestreitbare Werte so nett verpackt sind, fühlt man sich wie zu Weihnachten beschenkt, freut sich im ersten Augenblick. Und dann... wir wissen ja, was irgendwann mit den meisten Weihnachtsgeschenken geschieht.

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